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| Zivilisierungsmissionen | 439 Seite(n) |
Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert
Historische Kulturwissenschaft · Band 6
Boris Barth Jürgen Osterhammel (Hg.)
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Ausschnitt aus dem Kapitel: JÜRGEN OSTERHAMMEL „The Great Work of Uplifting Mankind“. Zivilisierungsmission und Moderne
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| sozialer Stigmatisierung den Vorrang erhielt und wenn in der gesellschaftlichen Ordnung durchlässige Aufstiegswege vorgesehen waren, die zum Beispiel die Verwandlung die Kalifate des frühen Islam und das chinesische Kaiserreich in seinen nach außen hin offenen Epochen waren solche inklusiven Gebilde. Der britische Historiker Sir William 1 Theodore Roosevelt, Hamilton Club Speech, 10. April 1899, zit. William N. Tilchin, Theodore Roosevelt 363 JÜRGEN OSTERHAMMEL „The Great Work of Uplifting Mankind“. Zivilisierungsmission und Moderne1 Im wertend aufgeladenen Begriff der „Zivilisation“ brachten Europäer Rhetorik greift gerne auf eine in zwei Dimensionen ausgearbeitete Raummetaphorik zurück. Die eine Dimenson ist diejenige der horizontalen Ausbreitung. Sie religiöse Konversion Außenstehender einfach war, wenn das Aneignen erlernbarer Kulturtechniken, vor allem der Sprache, gegenüber unauslöschlichen Merkmalen körperlicher Verschiedenheit und eines Sklaven in einen gleichberechtigten Untertanen des Herrschers oder in ein vollwertiges Mitglied einer res publica erlaubten. Das Imperium Romanum, as Ideology, in: Diplomatic History 10 (1986), S. 222230. 2 Jörg Fisch, Artikel „Zivilisation, Kultur“, in: Otto Brunner u.a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politischsozialen Sprache in Deutschland, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 679774, hier S. 740. auf Selbstexport eingestellt waren. Solcher Selbstexport war möglich, wenn zivilisatorische Gebilde sich an ihren Rändern inklusiv verhielten, wenn also die leiteten viele von ihnen das Recht und die Pflicht ab, dieser Bewegung zu universaler Entfaltung zu verhelfen oder zumindest in and the British Empire: A Study in Presidential Statecraft, Basingstoke 1997, S. 24. Vgl. auch Frank Ninkovich, Theodore Roosevelt: Civilization schließt in christlichen Sinnwelten an den Missionsauftrag des Neuen Testaments an und lässt sich im allgemeinen dort feststellen, wo Zivilisationen und Nordamerikaner im 19. Jahrhundert die Überzeugung zum Ausdruck, „gemeinsam an der Spitze einer umfassenden weltgeschichtlichen Fortschrittsbewegung zu stehen“.2 Daraus konkreten Notständen durch aktives Eingreifen für ein Minimum an zivilisatorischer Normerfüllung zu sorgen. Dies ist die Idee der Zivilisierungsmission. Zivilisationsmissionarische |
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| the Filipinos, and uplift and civilize and Christianize them, and by God’s grace do the very best we could for der Expansionsgrenze ein Minimum an Bereitschaft gab, sich der expansiven Zivilisation freiwillig anzupassen und die Ressourcen, die sie anbot, für Jürgen Osterhammel 364 Tarn hat 1948, drei Jahre nach dem Untergang eines radikal exklusiven, rassistisch geordneten Imperiums, das Alexanderreich als sich Präsident William McKinley, ein eher zögerlicher Imperialist, an seinen Entschluss vom Vorjahr, die nach Freiheit von Spanien strebenden Philippinen das Modell erfolgreichen Kulturexports und gelungener interkultureller Synthese gefeiert.3 Die Eliten solcher Reiche träumten den Traum der Universalität, und sie nicht unbedingt in der Praxis. Neben diese horizontale Raumdimension der Ausbreitung und Expansion trat später, voll ausgeprägt erst in der wussten, dass Kulturexport auch dann nicht erzwungen werden konnte, wenn das Reich mit dem Schwert geschaffen worden war. Das zivilisatorische des Zivilisa 3 Vgl. William Woodthorpe Tarn, Alexander der Große [Alexander the Great, Cambridge 1948], dt. v. Gisela SpreenHéraucourt und des Hellenismus, München 21995, S. 132. Ähnlich neuerdings wieder Nicholas G. L. Hammond, The Genius of Alexander the Great, London them, as our fellowmen for whom Christ also died“.4 Die Erhebungsrhetorik wurde damals zu einer amerikanischen Vorliebe, aber sie findet zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die vertikale Dimension der Erhebung und Erhöhung. Als Theodore Roosevelt 1899 von „the great work Angebot musste Abnehmer finden. Expansion war nur dann eine langfristig erfolgversprechende Strategie, wenn es unter den Völkern an und jenseits 1997. 4 Zit. Sean Dennis Cashman, America in the Gilded Age: From the Death of Lincoln to the Rise of die eigenen Zwecke zu nutzen. Die christlichen Imperien der Neuzeit haben eine solche inklusive Exportbereitschaft im Prinzip übernommen, wenn auch Sklaven zur Menschlichkeit „erhoben“ und zu jenem aufrechten Gang befähigt, der allein eines Christenmenschen würdig sei. In späterer Metaphorik, die of uplifting mankind“ sprach, war er nicht der einzige seiner Zeitgenossen, der sich einer solchen Erhebungsrhetorik befleissigte. Ebenfalls 1899 erinnerte bereits die Anordnung von Völkern, Ländern und Zivilisationen auf einer Stufenleiter kultureller Wertigkeiten voraussetzt, geht es dann um die Hebung militärisch unterwerfen zu lassen: „There was nothing left for us to do but to take them all, and to educate sich bereits im frühen 19. Jahrhundert in der Vorstellung der britischen Abolitionisten, durch die Abschaffung der Sklaverei würden die ehemaligen Will Héraucourt, Darmstadt 1968, bes. S. 150 f. Zu Tarns Ort in der Geschichte der Alexanderbilder vgl. HansJoachim Gehrke, Geschichte Theodore Roosevelt, New York/London 21988, S. 331. |
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| Erziehbarkeit und Einsichtsfähigkeit des Menschen voraus. Nur unter dieser Voraussetzung waren solch enorme Kulturleistungen wie die „Assimilation“ an eine „höhere“ Daher lassen sich von einem typologisierenden Rassismus her Kolonialismus und Imperialismus ablehnen: Jede „Rasse“ bleibe möglichst in ihrer angestammten Umgebung. die Lebensumstände Anderer ableiten lässt, und der Erwartung einer gewissen Rezeptivität auf Seiten der zu Zivilisierenden. Die Vorstellung von einer temperate zones“ sei das natürliche Telos der menschliche Gattungsgeschichte. Insofern ist er eine besondere Variante der Fortschrittsidee. Fortschritt erfasst die Bemerkenswert an den Äußerungen der beiden amerikanischen Staatsmänner aus einem Jahr, wie es „imperialistischer“ kaum je eines gegeben hat, ist 1987, S. 58 f. 6 Indianapolis Journal, zit. (nach Public Opinion 24, 1898) bei Stuart Creighton Miller, „Benevolent Assimilation“: The zones instinctively, because they have not the mental and moral fibre to uphold it“, dann hätten McKinley und der USKongress das Zurücktreten eines expliziten Rassismus, der damals ohne Probleme aussprechbar gewesen wäre. Die zu Zivilisierenden sind bildbar, sie besitzen ein vielleicht auf die Annexion des Archipels verzichtet.6 Der moderne Begriff der Zivilisierungsmission beruht auf der Annahme, „the civilization of the Rassismus durchgesetzt, dann wäre der eine oder andere Versuch kolonialer Umerziehung unterblieben. Wäre die amerikanische Politik 1898 jenem Leitartikler gefolgt, anthropologisches Potential, das entwickelt werden kann, wenn sie sich nur der wohlmeinenden Vormundschaft des zivilisatorisch Überlegenen anvertrauen. Zivilisierung setzt die American Conquest of the Philippines 18991903, New Haven/London 1982, S. 15. So schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts der einflussreiche schottische Rassentheoretiker Robert Knox. Vgl. Michael Banton, Racial Theories, Cambridge biologisch oder kulturell alternativlos determinierten menschlichen Natur steht im Widerspruch zu Zivilisierungsmissionen.5 Hätte sich an manchen historischen Wegscheiden ein robuster ruht auf zwei Grundlagen: der Überzeugung des Zivilisators von der eigenen Überlegenheit, aus der sich die Selbstermächtigung zur Intervention in Zivilisation denkbar. Die Idee der Zivilisierungsmission in ihren modenen Ausprägungen schließt stets diese doppelte horizontale und vertikale Inklusivität ein. Sie Zivilisierungsmission und Moderne 365 tionsniveaus ganzer Kollektive oder zumindest derjenigen ihrer Eliten, die für edukative Anstrengungen empfänglich zu sein schienen. ganze Menschheit, doch er erfasst sie differentiell. Die Starken und Aufgeklärten gehen voran und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass 5 der nichts von dem ganzen Gerede über „uplifting savages“ hielt und vermutete, die Philippinos „resist the civilization of the temperate |
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| McGee formuliert, einer der wissenschaftlichen Schöpfer der Weltausstellung von St. Louis 1904. Vgl. zu ihm Robert W. Rydell, All the fanden es nicht einfach zu begründen, warum solchen Prozessen künstlich nachgeholfen werden solle. Zur Legitimation zivilisationsmissionarischer Initiative mussten zwei neue von Autoren wie Lucien Febvre und Jörg Fisch in gültiger Weise behandelt.8 Keineswegs ergibt sich aus der Begriffsgeschichte von selbst in den Zustand der Zivilisiertheit versetzen wird. Auch diejenigen, die an die stillschweigend zivilisierende Kraft von Handel und Recht glaubten, Jürgen Osterhammel 366 die Schwächeren in ihrer anderen und bescheideneren Weise ebenfalls die Früchte aufstrebender Entwicklung genießen.7 I. Paradoxien der Zivilisierungsmission Die sich wandelnde Semantik des 1756 erstmals textlich belegten Zivilisationsbegriffs in den verschiedenen europäischen Sprachen ist ein komplexes Thema, Rechtfertigung des französischen Protektorats über Marokko: vgl. Daniel Rivet, Lyautey et l’institution du protectorat français au Maroc 19121925, 3 Bde., The American Spirit: A Study of the Idea of Civilization in the United States, New York 1982 [1942], bes. S. ursprünglichste unter ihnen war das Stiften elementarer Ordnung. Immer wieder im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde im Vorfeld landnehmender die Verbindung mit missionarischem Aktivismus. Der in ganz Europa und in Nordamerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einflussreich der Zivilisation geltend gemacht: 7 Besonders deutlich hat dies, ebenfalls im bereits erwähnten Jahre 1899, der amerikanische Anthropologe W. J. 1993. Analoge Untersuchungen zu nichteuropäischen Sprachen stehen noch aus. Davon zu unterscheiden (und nicht Thema dieses Aufsatzes) ist „Zivilisation“ als S. 3977; Jörg Fisch, Artikel „ Zivilisation, Kultur“; für die USA immer noch Charles A. Beard / Mary R. Beard, International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences, Bd. 3, Amsterdam 2001, S. 19091915. 9 Ein schönes Beispiel ist die Interventionen die „Anarchie“ im Zielgebiet beklagt.9 Wie oft heute noch, so wurden grundsätzlich zwei Argumente zugunsten eines Eingreifens im Namen Bedeutungselemente hinzuteten. Das erste war die Vorstellung von einem erziehend eingreifenden Staat. Dieses Eingreifen konnte in unterschiedlichen Formen geschehen. Die World’s a Fair: Visions of Empire at American International Expositions 18761916, Chicago/London 1984, S. 160 ff. 8 Lucien Febvre, Zur Paris 1985, hier Bd. 1, S. 2737. werdende evolutionistsche Begriff der Zivilisation geht von einem langfristigen Naturprozess aus, der durch allmähliche Reifung auch die jetzigen „Primitiven“ einst Entwicklung des Wortes und der Vorstellung von „civilisation“, in: ders., Das Gewissen des Historikers, übers. v. Ulrich Raulff, Berlin 1988, Terminus der Sozialwissenschaften. Vgl. dazu Johan P. Arnason, Artikel „Civilizational Analysis, History of“, in: Paul Baltes / Neil Smelser (Hg.), |
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| der Aufklärung hatte „den Wilden“ noch weitgehend als einen individuellen Typus mit benennbaren persönlichen Eigenschaften beschrieben. Auch wenn bei nicht große Geschichtsschreiber des Osmanenreiches, diese Hoffnung formuliert. Als er im siebenten Band seiner monumentalen Geschichte des Osmanischen Reiches das frühe stets als die beiden Hauptformen „ungerechter“ politischer Zustände gesehen worden. 11 Joseph von HammerPurgstall, Geschichte des Osmanischen Reiches, grosstheils aus Jahrhundert deutlicher, dass auch „Wilde“ in besonderen Gemeinschaften und Gesellschaften lebten. Eine Grundidee der Zivilisierungsmission wurde es, den Mangel an sie nur unter kolonialen Herrschaftsverhältnissen möglich war. Dort, wo Europäern die Möglichkeiten des direkten Eingriffs fehlten, hoffte man darauf, dass das Vorbild Europas zumindest einen neuen moralischen Ton in „barbarische“ Gesellschaften hineintragen würde. Besonders schön hat Joseph von HammerPurgstall, der ferne und fremde Welten beschränkt. Sie sah sich durch „Wildheit“ in jeder ihrer Formen herausgefordert: durch Eingeborene in Übersee ebenso 18. Jahrhundert erreicht, da atmet der Historiker auf, erleichtert darüber, dass sich über dem Osmanischen Reich „allmählich die Nacht der Barbarey“ lichtet: „Die starre Eisrinde des Türkenthumes thaut wenigstens von aussen in dem warmen Verkehre europäischer Politik und Cultur, es eine für alle vorteilhafte Friedensordnung oder „pax“.10 Das zweite neue Bedeutungselement ergab sich aus einer Ethnologisierung des Zivilisationsbegriffs. Die Anthropologie weht ein sanfterer Hauch menschlicher Milde und feiner Gesittung […].“11 Als Projekt der Auflösung fortschrittsresistenter Sonderwelten war Zivilisierung nicht auf wie durch Bauern und Revolutionäre daheim. Auch die wiederbelebte Mission beider großer Konfessionen wirkte sowohl nach außen wie in die Zivilisierungsmission und Moderne 367 die Beseitigung despotischer Missregierung (wie 2003 im Falle des Irak) oder die Verwandlung „anarchischer“ Zustände in bisher unbenützten Handschriften und Archiven, 10 Bde., Pest 18271835. hier Bd. 7, S. 1 f. zu beheben, sondern „vor Ort“ an gesamten Gemeinschaften. Das ehrgeizigste Ziel war dabei eine umfassende Reform des tribalen Lebens, wie wenigen Reisenden und Theoretikern die kollektiven Sitten und Gebräuche solcher Wilden dargestellt wurden, so wurde es doch erst im 19. Zivilisiertheit nicht im Sinne eines Erziehungsexperiments an Individuen, wie man sie gelegentlich von exotischen Reisen als Schaustücke nach Europa zurückbrachte, heimischen Gesellschaften hinein. In Frankreich wurde die Gleichung zwischen „inneren“ und „äußeren“ 10 Despotie und Anarchie sind im Denkens Europas |
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| Aufständischen nach der indischen „Mutiny“ von 1857 – reserviert worden war.13 Alice Bullard hat gezeigt, wie die Deportation von etwa Gascoigne, The Enlightenment and the Origin of European Australia, Cambridge 2002, bes. S. 69 ff., über das Zusammenspiel von imperialer 2000, S. 17. 13 Robert Tombs, The Paris Commune 1871, London 1999, S. 164173. 14 Bullard, Exile, S. 121 ff.; 1871. Die Commune wurde als Einbruch von „la sauvagerie“ in eine sich sicher wähnende Zivillisiertheit verstanden und während der berüchtigten immer wieder geschrieben worden waren. Historiker drängt es zur Konkretion. Sie warnen davor, einem „Idealtypus“ von der Zivilisierungsmission zu großes 1985, S. 115 ff.: Hier sei zwischen politischer Ökonomie und moralischchri stlicher Reform ein neuer Menschentyp geschmiedet worden (S. 117), zur „Blutwoche“ vgl. Tombs, The Paris Commune, S. 177183. Über das zwangsweise „improvement“, das der britischen Arbeiterklassse zwischen etwa 1780 peuple“ schob sich nun ein bürgerliches Misstrauen gegen das rohe Volk. Es erreichte seinen Höhepunkt während des Pariser Kommuneaufstandes von Jürgen Osterhammel 368 Barbaren erstmals zur Zeit der Julirevolution von 1830 hergestellt.12 Neben Jules Michelets Heroisierung und Romantisierung von „le viertausend Kommunarden in die seit 1853 unter französischer Herrschaft stehende Kolonie NeuKaledonien als unmittelbar parallele Zivilisierung der dortigen eingeborenen Bevölkerung „Blutwoche“ (21. bis 28. Mai) mit einer Brutalität unterdrückt, wie sie seit den Tagen des Thermidor in einer europäischen Metropole (der sogenannten Kanaken) und der zwangstransportierten französischer Revolutionäre gedacht war und auch durchgeführt wurde.14 Überhaupt ist die Strafkolonie ein noch zu entdeckender Schauplatz von Zivilisierungsmissionen. Das spektakulärste Beispiel wäre Australien: Seine Nationalgeschichte ist – es gab daneben andere „master narratives“ als Selbstzivilisierung einer aus dem europäischen Zivilisationskreis ausgestoßenen Sträflingsbevölkerung geschrieben worden.15 Im Großen (Australien) wie im Kleinen (NeuKaledonien) spielten diese „a distinctly new kind of civilization“ (S. 119). 15 Jenseits eines solchen nationalen Mythos jetzt die kritische Studie von John und 1830 aufgezwungen wurde, vgl. Philip Corrigan / Derek Sayer, The Great Arch: English State Formation as Cultural Revolution, Oxford Prozesse die Drehbücher der Gesellschaftswerdung und des Aufbaus moralischer Charaktere aus dem Naturzustand nach, die von den Denkern der Aufklärung Gewicht beizumessen, ihn vielleicht sogar so zu verdinglichen, dass der Eindruck entsteht, es habe tatsächlich so etwas wie ein einheitliches und beginnender nationaler Zivilisierung. Rezept der Zivilisierung 12 Alice Bullard, Exile to Paradise: Savagery and Civilization in Paris and the South Pacific, 17901900, Stanford nicht mehr erlebt und nur noch für koloniale Kriege und Repressalien – wie die Eroberung Algeriens oder die Bestrafung der |
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| Verhältnis der frühneuzeitlichen englischen Oberschicht zu Schotten und Iren ist hier ein besonders deutliches Beispiel. Nicht erst das neuere Geschehen beiden in den wichtigsten missionierenden Imperien der Neuzeit: dem britischen, dem französischen, dem russischen und dem USamerikanischen. Kleinere Imperien wären in Europa erscheinen lassen,17 und in der Haltung vieler Norditaliener zum südlichen Teil ihres Landes hält sich eine kulturelle Arroganz, innerhalb Europas zu trennen. Manche der frühesten Wahrnehmungen von zivilisatorischer Differenz, die Europäer machten, bezogen sich auf unmittelbare Nachbarn. Das vergleichend hinzuzuziehen. In jedem der länger bestehenden Imperien bildeten sich mit der Zeit unterschiedliche Formen der Zivilisierungsmission heraus. Von der der „mission civilisatrice“ der III. Republik ausdrücklich als überlegener Gegenentwurf zu Zivilisierungsvorstellungen im britischen Empire gedacht.18 Am Ende des Ersten Methoden und Trägern unterschieden werden. Besonders wichtig wäre es, koloniale Zivilisierungsmissionen in der aussereuropäischen Welt nicht allzu strikt von Entwicklungen ein einzigartig brutales Ausbeutungssystem gewesen und habe die Zivilisierung der afrika 16 Siehe Michael Broers’ Kapitel in diesem Band. 17 napoleonischen Spielart, die Michael Broers in diesem Band vorstellt,16 führt kein direkter Weg zur klassischen „mission civilisatrice“ der französischen III. Zivilisierungsmission und Moderne 369 gegeben. Die offensichtlichste Unterscheidung wäre die zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von „Zivilisation“, „Mission“ und der Kombination von Vgl. Maria Todorova, Imagining the Balkans, Oxford 1997; dies., Der Balkan als Analysekategorie: Grenzen, Raum, Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft wie sie NichtEuropäern kaum schärfer entgegengebracht werden könnte. Das Bild verfeinert und verwirrt sich schließlich dadurch weiter, dass die Träger Weltkriegs machten die Westmächte den Deutschen ihre Kolonien unter anderem mit dem neu erfundenen Argument streitig, die deutsche Kolonialherrschaft sei 28 (2002), S. 470492. 18 Nicolas Bancel u.a., La République coloniale: Essai sur une utopie, Paris 2003, S. 69. auf dem Balkan hat diesen Teil des Kontinents in den Augen mancher Kommentatoren als minderzivilisierte Grenzzone oder gar als Fremdkörper unterschiedlicher Konzeptionen von Zivilisierungsmission sich gegenseitig beobachteten und sich gleichsam in einen Wettkampf miteinander begaben. So war das offizielle Konzept Republik, und die Kontinuität zwischen zarischer und sowjetischer Zivilisierungsmission ist keine bruchlose. Beim Geschäft des Differenzierens müsste auch zwischen Zielen, |
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| in Angriff nahmen, vor allem der Norden gegenüber den Südstaaten der USA in den Jahren nach 186521 sowie die Alliierten 228 ff. dass die strategischen und operativen Seiten von „empirebuilding“ und „empiremaintenance“ kleinen Gruppen von politischem, militärischem und administrativem Staatspersonal vorbehalten blieben. viel Material nachweisen kann, wie stark die metropolitanen Gesellschaften durch Rückwirkungen aus ihren Imperien durchdrungen waren, bleibt es doch richtig, moralische Seite. Da ehrgeizige Zivilisierungsmissionen nicht bloß palliativ die Beseitigung von Missständen er 19 Wm. Roger Louis, Great Britain and Herrschaftssicherung tatsächlich von Bedeutung, nur sie kamen als Geschäftspartner in Frage, und sie allein verfügten über jenen Bildungshintergrund, der möglicherweise jenen Fällen außerhalb kolonialer Beziehungen, in denen Sieger nach einem Krieg die radikale Reform der unterlegenen Gesellschaft erstrebten und praktisch Jürgen Osterhammel 370 nischen Einheimischen vernachlässigt.19 Geändert hat sich mit der Zeit auch das Bild der Objekte der Zivilisierung. So wurde im afrikanischen Fall allmählich aus dem Sklaven, den man befreit hatte, der menschenfressende Wilde, der mit Gewalt von seinem mörderischen Treiben abzubringen sei, und aus diesem später unter stabileren kolonialen Verhältnissen wiederum der harmlose, aber faule und nur durch zu finden. Zivilisierungsmissionen von größerem Gewicht, hinter denen über längere Zeiträume hinweg ganze Staatsapparate stehen, haben eine institutionelle und eine gegenüber Deutschland und Japan nach 1945. In diesen Fällen war es der erste Schritt der Sieger, unbelastete und kooperationsbereite Bündnispartner strenge Gängelung zu nützlicher Tätigkeit motivierbare „Eingeborene“.20 Zivilisierungsmissionen ist gemeinsam, dass sie Elitenprojekte sind. Es ist deshalb ungenau, zum Beispiel 19141919, New York 1990, S. 92102. 20 Pascal Blanchard / Sandrine Lemaire (Hg.), Culture coloniale: La France conquise par son Germany’s Lost Colonies 19141919, Oxford 1967, S. 16, 35, 87; Brian Digre, Imperialism’s New Clothes: The Repartition of Tropical Africa, die Anverwandlung eines anderen kulturellen Codes zulassen würde. Dass Zivilisatoren unweigerlich über solche Mittlerminoritäten wirken, zeigt sich bis hin zu empire 18711931, Paris 2003, S. 149 ff. 21 Vgl. Eric Foner, Reconstruction: America’s Unfinished Revolution 18631877, New York 1988, S. Auf der anderen Seite der Zivilisierungsbrücke hat man es ebenfalls mit Minderheiten zu tun. Nur sie waren für die koloniale von einer „britischen“ Zivilisierungsmission gegenüber „Indien“ zu sprechen. Imperien sind stets Geschöpfe von Eliten gewesen. Obwohl die „postkoloniale Geschichtsschreibung“ mit |
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| Zivilisierungsmission und Moderne 371 reichen wollen, sondern transformativ die Umwandlungen gesellschaftlicher Strukturen bezwecken, bedürfen sie einer institutionellen Verankerung. Sie verbinden Anderen ausgeht. Erst in der kolonialen Situation kann Zivilisierungsmission – sie muss es nicht – in eine rassistische Blockade führen. steuert.22 Zivilisierungsmissionen sind keine abstrakten Prozesse, die ein soziales System in einem anderen auslöst. Ebensowenig lassen sie sich ausschließlich auf konstitutiver Bedeutung, sich als großzügig Gebende zu verstehen. Der Zivilisierer ist davon überzeugt, generös zu sein. Er spendet alles Mögliche: registriert und hart geahndet. Der zivilisierende Kolonisator hoffte auf Dank, machte sich 22 Corrigan / Sayer, The Great Arch, S. sich mit Institutionen der Transformation, etwa religiösen Missionsgesellschaften, kolonialen Oberschulen oder einem Gerichtswesen. Moralisch wirken sie im Sinne der von zivilisatorische Projekte ein, denen er von ihrem Wesen her fremd ist. Widerstände der zu Zivilisierenden lassen sich im Denkhorizont der vorstellten. Dies ergibt sich bereits aus der Natur des Vorhabens und der Art seiner typischen Ideologisierung. In Konzepten der Zivilisierungsmission Preis hält; vor allem erwartet er Dankbarkeit. Widerstand und Verweigerung werden als ein vermeintlicher Bruch dieser reziproken Spielregeln mit Erbitterung Das Programm selbst stellt dafür bestenfalls die Idee der Undankbarkeit zur Verfügung. Es ist für das Selbstgefühl von Zivilisierern von religiöse Wahrheiten, die Sicherheit militärischer Befriedung, Bildung, vielleicht sogar materielle Wohlfahrt. Dafür nimmt er sich, was er für den gerechtfertigten Die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft der Objekte, sich zivilisieren zu lassen, übersteigt das Fassungsvermögen einer von sich selbst überzeugten Zivilisation. 4 u.ö. Die Leitkultur leidet, wenn niemand sich von ihr leiten lässt. Auf diese Weise schleicht sich „vor Ort“ oft Rassismus in sind Misserfolge in der Regel nicht vorgesehen. Widerstände werden selten vorausgeahnt, und noch seltener stellt man sich auf sie ein. der Ebene ihrer Programmatik verstehen. Selten sind Zivilisierungsmissionen genau in der Weise verwirklicht worden, wie Strategen und Visionäre es sich Corrigan und Sayer beschriebenen „moral regulation“, die das sozialmoralische Klima einer gesamten nationalen Gesellschaft oder größerer Teile einer solchen Gesellschaft Zivilisierungsmission nicht erfassen. So bleiben nur Erklärungen, die von der unveränderlichen, also zivilisierungsresistenten Andersartigkeit und Minderwertigkeit der natürlichen Aussattung der |
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| Zivilisierer will Gutes tun, und gerade dies hilft, seine Enttäuschung zu erklären, wenn er damit scheitert. Auch auf der individuellen der Welt vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wie bei heutiger humanitärer Hilfe, musste dies, wie Kiplings Biograph bemerkt, immer wieder in Syrien und im Libanon, die auf der Friedenskonferenz als Mandatsgebiete an Frankreich übertragen worden waren, das Mandat als eine ihnen standen als Vertreter des patriarchalischen Prinzips die Soldaten gegenüber, die mit Strenge für Sicherheit und Ordnung zu sorgen hatten.25 „a thankless task“ sein: „no pomp, no material reward, ‚no tawdry rule of kings‘“.23 Das Selbstbild des Zivilisators als Spender The Long Recessional: The Imperial Life of Rudyard Kipling, London 2002, S. 129. 24 Bancel u.a., La République coloniale, S. zivilisierte Macht erreichte einen Höhepunkt in der propagandistischen Begleitmusik zu den Mandaten des Völkerbundes nach dem Ersten Weltkrieg. So wurde Prinzips wurden die (in der Realität selbstverständlich männlichen) zivilen Bürokraten dargestellt, die 1922 mit dem Aufbau eines rudimentären Wohlfahrsstaates begannen; York 2000, S. 58. aus dem Jahre 1899, ausdrücklich an die amerikanische Öffentlichkeit gerichtet und als Aufforderung gemeint, die Philippinen zu annektieren, war auch vorübergehende Epoche dargestellt, in der „Mutter Frankreich“ ihre vom Schicksal hart geschlagenen levantinischen Kinder hochpäppeln sollte. Als Vertreter des mütterlichen Frankreich stilisiert, die ihre unmündigen Kinder streng und gerecht mit Wohltaten versorgte.24 Die Vorstellung von mütterlicher Fürsorge durch eine höher 69 f. 25 Vgl. Elizabeth Thompson, Colonial Citizens: Republican Rights, Paternal Privilege, and Gender in French Syria and Lebanon, New als Ausdruck einer moralischen Pflicht der „Höherstehenden“ gedacht, in einer Welt ohne UNO und ohne internationale karitative Organisationen die Armen Das war nicht nur zynisch und heuchlerisch gemeint, wie überhaupt die altruistischen Überzeugungselemente bei Zivilisierern nicht übersehen werden sollten. Der Jürgen Osterhammel 372 aber oft keine Illusionen darüber, dass er ausbleiben würde. Rudyard Kiplings berühmtes Gedicht „The White Man’s Burden“ Missionar oder Entwicklungshelfer – steht unablässig in der Gefahr einer doppelten Enttäuschung: einerseits durch die störrischen Objekte 23 David Gilmour, kann so weit entwickelt sein wie in der klassischen „mission civilisatrice“ der III. Republik. „La France“ wurde dort zur Mutter Ebene ist Enttäuschung ein immer wiederkehrender Bestandteil von Zivilisierungsmissionen. Der unmittelbare Agent der Zivilisierung vor Ort – der Kolonialbeamte, der |
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| handeln. Theodore Roosevelt, ein sonst realistischer Mann, brachte dies 1908 sehr schön auf den Punkt, als er die Überlegenheit der der dritte Krieg – ebenso wie seine beiden Vorgänger (176769, 178084) noch als reiner Machtkampf gesehen worden, so wurde der und vielleicht sogar in einem höheren Sinne beauftragt zu sein. Nahezu gleichzeitig findet sich dieses Begründungsmuster bei der französischen Invasion Dieses Risiko ist um so größer, je mehr der Zivilisierungsagent tatsächlich der Selbsttäuschung über seine eigene Position erliegt. Die höchste des 18. Jahrhunderts zogen Großmächte aus ihr den Schluss, zum gewaltsamen Sturz despotischer Regierungen in anderen Teilen der Welt berechtigt Henry Laurens, Les origines intellectuelles de l'expédition d'Égypte: L'orientalisme islamisant en France (16981798), Istanbul/Paris 1987, S. 172177; Ders., L’Expédition d’Égypte Ägyptens 1798, die als Befreiung des ägyptischen Volkes von der archaischen Tyrannei der Mamluken gerechtfertigt wurde,27 und im sogenannten vierten of Sir Michael Howard, Oxford 1992, S. 5774. Zivilisierungsmission und Moderne 373 seiner Bemühungen, andererseits aber auch durch Politik und Öffentlichkeit im jeweiligen Mutterland, die immer wieder dazu 17981801, Paris 1989, S. 24 ff., 31 f. 28 Vgl. Peter J. Marshall, „Cornwallis Triumphant“: War in India and the British Public in the Late Eighteenth Century, in: Lawrence Freedman u.a. (Hg.), War, Strategy, and International Politics: Essays in Honour darin, dass einerseits angeblich despotische Zustände immer wieder (und bis hin zum ameri 26 Tilchin, Theodore Roosevelt, S. 215. 27 Peter J. Marshall hat gezeigt, wie sich im Übergang vom dritten (179092) zum vierten (1799) MysoreKrieg die Begründung änderte. War AngloMysoreKrieg der Briten gegen das südindische Sultanat von Mysore, das einer der militärisch stärksten Widersacher der East India Company war. Form der Selbsttäuschung ist die, nicht bloß der Überbringer von Wohltaten zu sein, sondern dazu noch aus völliger Interesselosigkeit zu weitere inhärente Schwierigkeit könnte man das Paradox der Despotie nennen. Am Beginn der modernen Zivilisierungsmission steht, ziemlich genau datierbar, die Vorstellung der befreienden Intervention. Die europäische Theorie der orientalischen Despotie geht bis ins 16. Jahrhundert zurück, doch erst am Ende amerikanischen Zivilisierungsmission (etwa auf den Philippinen und in Kuba) gegenüber derjenigen der europäischen Kolonialmächte in „desinterestedness“ zu sehen glaubte.26 Eine vierte propagandistisch als Expedition zur Rettung der armen indischen Untertanen vor dem muslimischen Gewaltherrscher Tippu Sultan aufgeblasen.28 Das Paradox liegt neigen, seine Anstrengungen nicht hinreichend zu beachten, zu honorieren und zu finanzieren. Zivilisierungsmissionen geschehen immer wieder im Schatten des Scheiterns. |
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| bis 1848 vgl. zusammenfassend William Earl Weeks, Building the Continental Empire: American Expansion from the Revolution to the Civil War, The United States and the Worldwide Struggle for Democracy in the Twentieth Century, Princeton 1994, S. 7. 32 Peter S. Mittel erreichen können. Schon Bonaparte musste 1798 in Ägypten diese Erfahrung machen. Bereits vier Monate, nachdem er am 2. Juli könnten, müsse eine solche von Verfassungsstaaten sein.31 Dem entsprach in Jeffersons Blick auf den nordamerikanischen Kontinent die Überzeugung, nur der innere Initiative zusammen. Nationale Regierungen füllten unverzüglich die regionalen Machtvakua. Nirgends gerieten die USA in die Verlegenheit, direkte Herrschaft übernehmen Onuf, Jefferson’s Empire: The Language of American Nationhood, Charlottesville/London 2000, S. 29. Zum imperialen Charakter der Expansion auf dem Kontinent charakteristisch war. Schon bei Thomas Jefferson findet sich der Gedanke, eine Weltordnung, an der die USA zum eigenen Vorteil teilnehmen Chicago 1996. Bewohner Kairos, mit großer Brutalität nieder.29 An den Aufbau einer friedlichen neuen Ordnung war fortan nicht länger zu denken. Den Jürgen Osterhammel 374 kanischbritischen Angriff auf das Regime der BaathPartei im Irak) als Grund oder Vorwand für militärische Intervention dienen, andererseits auf dem Trümmerhaufen, den eine ruinierte Tyrannei zurücklässt, die Sieger einen zivilisierenden Wiederaufbau von Strukturen selbst nur durch despotische zu müssen. Ihre Rolle war die des wohlmeinenden Beraters und Finanziers. Dies war ein weiterer Schritt in der langen Geschichte Ostküste zur imperialen Landnahme von Küste zu Küste.32 Die neuere „idealistische“ Tradition begann dann mit Woodrow Wilson, der 1914 die Kommunismus führte in keinem Fall zur militärischen Übernahme eines „befreiten“ Landes. Der Ostblock brach schließlich unter äußerem Druck, aber durch Respekt vor allgemeingültigen Gesetzen und den Institutionen der Justiz, nicht aber rassische Überlegenheit oder militärische Stärke berechtige die Republikaner der USA bliebt während des Kalten Krieges eine solche Erfahrung erspart.30 Ihre von Kreuzzugsimpulsen durchdrungene Politik der Befreiung der Welt vom Besetzung von Vera 29 Laurens, L’Expédition d’Égypte, S. 211216. 30 Vgl. Bernd Stöver, Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy der versuchten oder gelungenen Verwirklichung einer universalen politischen Missionsberufung, wie sie für die Vereinigten Staaten von Amerika seit ihren Anfängen im Kalten Krieg 19471991, Köln 2002, bes. S. 35 ff. zur Genese der „liberation policy“. 31 Tony Smith, America’s Mission: den Boden Ägyptens mit dem Gestus des Befreiers des „Volkes“ betreten hatte, schlug er einen Aufstand eben dieses Volkes, der |
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| of American Empire 19001934, Lexington KY 1983, S. 118. 35 Vgl. auch einen neuen Versuch, hinter Wilson und den Folgen Culture, Cambridge 1999, S. 79. einen christlichen Messianismus zu entdecken: Richard M. Gamble, The War for Righteousness: Progressive Christianity, the Great War, and the Rise wurde und es gar 33 Smith, America’s Mission, S. 5. 34 Lester D. Langley, The Banana Wars: An Inner History Befürchtung, dass als Folge von staatlich ungesteuerten Marktprozessen und von Aktivitäten transnationaler Medien und (anderer) Wirtschaftsunternehmungen eine globale kapitalistische Monokultur amerikanischer Prägung weltweit dominant werden könnte. Ist der erste Begriff des Kulturimperialismus so weit gefasst, dass er es nicht ermöglicht, of the Messianic Nation, Wilmington DE 2003. 36 Johan Galtung, Eine strukturelle Theorie des Imperialismus, in: Dieter Senghaas (Hg.), Imperialismus gelöst werden können, ist es nicht genau dasselbe, von „kulturellem Imperialismus“ zu sprechen. Der Begriff „Kulturimperialismus“ wird in zwei Bedeutungen verwendet. Die engere und konventionellere Bedeutung verweist darauf, dass militärischpolitischer und wirtschaftlicher Imperialismus sich flankierend kultureller Instrumente bedient, also etwa der Mission, des kolonialen Erziehungswesens und der Wissenschaft. Schon Johan Galtung hatte fünf Typen von Imperialismus unterschieden, von denen zwei, eine pessimistische Ausprägung. Sie beruht auf der kulturkritischen These „that global culture is one way or another liable to be „Kommunikationsimperialismus“ und „kultureller Imperialismus“, in einem engeren Sinne das hier Gemeinte betreffen.36 Neben dieser gewissermaßen neutralen Variante gibt es, zweitens, begründete, die konstitutionelle Demokratie in Lateinamerika verbreiten zu wollen.33 Hatte Theodore Roosevelt noch „limited American tutelage“ den Vorzug gegeben,34 so Sendungsbewusstsein, das die Außenpolitik der USA während des gesamten 20. Jahrhunderts durchdringen sollte.35 Weil Zivilisierungsmissionen selten aus ihrem politischen Kontext bestimmte Zivilisierungsmissionen als solche zu identifizeren, so bezieht sich der zweite auf eine Welt, in der jeder edukative Anspruch aufgegeben scheuten seine Nachfolger vor transformativen Eingriffen in schwache Staaten der Karibik und Zentralamerikas nicht zurück. Sie waren getragen von einem und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion, Frankfurt a.M. 1972, S. 29104, hier S. 5561. 37 John Tomlinson, Globalization and Zivilisierungsmission und Moderne 375 Cruz in Mexiko, 1915 die Intervention in Haiti und 1916 die Okkupation der Dominikanischen Republik damit a hegemonic culture“.37 Hinter einem solchen Begriff von „cultural imperialism“ steht nicht die fallspezifische Zielorientierung von Zivilisierungsmissionen, sondern die pauschalisierte |
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| bäuerlichen Bevölkerung zu Respekt für die Ahnen und zu Anhänglichkeit an das Kaiserhaus, drittens an die Integration nichtchinesischer „Barbaren“ in von Zivilisierung dargestellt wurden. Immer wieder im Laufe der chinesischen Geschichte wurden Reformen dadurch legitimiert, dass Kaiser (bis hin zu Jürgen Osterhammel 376 nicht mehr nötig ist, mit punktuellen Programmen einzugreifen, zehrt die um sich greifende Einheitskultur doch jeden lokalen in der Tat dafür, doch sollte man diese Aussage nicht ungeprüft übernehmen und zumindest den Blick auf einige andere Umstände Land, das bis heute seinen Nachbarn zuweilen schulmeisterlich gegenübertritt. Wang Gungwu ist in einem die gesamte chinesische Geschichte überblickenden Aufsatz Eigensinn mit der Zeit von selber auf. Es ist offensichtlich, dass dies nicht dasselbe ist wie Zivilisierungsmission in dem Sinne, im eigentlichen Sinne als kolonialistisch gedacht, denn die Chinesen bewahrten in zahlreichen Mythen und Theorien über ihren eigenen Ursprung die einzige über den ganzen Globus verbreitet hat, legt die Vermutung nahe, Zivilisierungsmissionen seien eine Erfindung des neuzeitlichen Europa. Vieles spricht den chinesischen Kulturzusammenhang durch Erlernen von Sprache und Schrift und Anpassung an die chinesischen Sitten. Dieser dritte Transformationsweg war nicht Erinnerung an den eigenen Ausgang aus dem Zustand ursprünglicher Barbarei. Stets waren es weise Herrscher, die als die eigentlichen Initiatoren Mao Zedong) sich die Attribute frühzeitlicher „sage kings“ zulegten. durch die sanfte Ausstrahlung moralischer Autorität und das Lernen von Vorbildern geschehen. Vor allem an dreierlei wurde dabei gedacht: erstens China über die Möglichkeit der Veränderung Anderer zum Besseren nachgedacht worden. Diese Veränderung sollte nicht durch Gewalt und Zwangsbekehrung, sondern richten, die dem Entstehen von Zivilisierungsmissionen günstig gewesen sein könnten. Hier kommt an erster Stelle China in Frage – ein dieser Frage nachgegangen und dabei zu einem sehr differenzierten Ergebnis gelangt. Seit den frühesten Texten des chinesischen Altertums ist in wie sie im vorliegenden Band verstanden wird. II. Nichteuropäische und vormoderne Zivilisierungsmissionen? Die Tatsache, dass sich die europäische Zivilisation als an die Selbstreform der politischen Ordnung, sobald sich in ihr gefährliche Missbräuche breit gemacht hatten, zweitens an die Erziehung der |
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| dass das kulturelle Selbstbewusstsein der Chinesen weniger ausgeprägt gewesen wäre als das der Europäer im 18. oder 19. Jahrhundert. Im Begründungen gab. Aber der Drang, andere zu zivilisieren, war, wie Wang Gungwu erläutert, über die Epochen hinweg nicht sehr ausgeprägt QingDynastie in die traditionelle Rolle von „sage kings“; zugleich eroberten sie das größte Reich, das es in Ostund Zentralasien jemals gegeben hatte. Unter den Antriebskräften für diesen MandschuImperialismus spielten missionarische Motive keine Rolle. Als das Reich dann aber um die abgebracht und im politischen Bereich von theokratischer zu bürokratischer Herrschaft hin umorientiert werden. Manche Äußerungen und Maßnahmen der mit solcher „inneren Barbaren“ wurden ganz unterschiedlich behandelt. Einige von ihnen, etwa die Tibeter, wurden einer Art von konfuzianischem Erziehungskolonialismus ausgesetzt, der und „was not associated with coercion and the need to dominate“.38 Dieser Drang war also weder missionarisch noch kolonialistisch. Man Zivilisierungsmission und Moderne 377 Das kulturelle (und politische) Repertoire Chinas sah also Zivilisierung vor, für die es schon früh explizite weithin erfolgreichen Experiment kollektiver Selbstzivilisierung unterzogen hatte. Vom späten 17. bis zum späten 18. Jahrhundert schlüpften die großen MandschuKaiser der Mitte des 18. Jahrhunderts beisammen war, fanden sich innerhalb seiner Grenzen eine große Zahl von Völkern (Mongolen, Tibeter, die muslimischen Reichsbildung trifft Wang Gungwus Diagnose zu, dass der „Drang“ zur Zivilisierung vergleichsweise schwach entwickelt war. Dies lag nicht etwa daran, nicht nur pazifizieren (wirtschaftliche Ausbeutung spielte hier keine Rolle), sondern auch dauerhaft assimilieren wollte.39 Die Tibeter sollten von „barbarischen“ Bräuchen die Regierung Chinas von den Mandschuren übernommen, einem Fremdvolk, das sich zuvor mit der Hilfe chinesischer Überläufer einem kraftvollen und Gegenteil: Es 38 Wang Gungwu, The Chinese Urge to Civilize: Reflections on Change, in: Journal of Asian History 18 (1984), S. 134, hier S. 9. 39 Sabine Dabringhaus, Das QingImperium als Vision und Wirklichkeit. Tibet in Laufbahn und Schriften des Turkvölker des Fernen Westens, die Ureinwohner Taiwans usw.), die bis dahin nicht an der chinesischen Kultur Anteil gehabt hatten. Diese kann diese Generalthese für das, was auch in China die „Frühe Neuzeit“ heißen darf, noch vertiefen. Im 17. Jahrhundert wurde Song Yun (17521835), Stuttgart 1994, S. 150 ff. Kolonialadministration betrauten Gouverneure und Regenten erinnern an europäische Ideen zur Zivilisierung kulturell fremder Untertanen. Doch auch für diese Erfolgsperiode chinesischer |
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| doch ist deutlich, dass die christliche Mission des 19. und 20. Jahrhunderts, etwa in Teilen Afrikas und Südostasiens, im Islam Metropole – symbolisierte sich sogar ein Grad transformativer Unterwerfung, der in der Gesellschaftswelt 40 Vgl. Andrew Porters Kapitel in diesem Ausstrahlungszentren höherer Kultur. Dies schließt das ergänzende Motiv von Kolonisation als agrarischer Urbarmachung von Wildnis nicht aus. In der Umgestaltung offensiven Missionsgedanken musste aber keineswegs ähnlich stark sein wie in Europa. Im Falle des Islam scheint dies anders gewesen zu nichts Besseres passieren könne als ihre Sinisierung. Das chinesische Kontrastbeispiel zeigt, dass es vor der Rezeption des europäischen Zivilisationsbegriffs in von Landschaften und der Anlage von Gärten – sei es in exotischer Umgebung, sei es als botanische Musterkollektion in der ff. 41 Vgl. auch Ian Buruma, / Avishai Margalit, Occidentalism: The West in the Eyes of its Enemies, New York einen geradezu spiegelbildlichen Konkurrenten sah, der mit ähnlichen Absichten und Methoden zu Werke ging.40 Wir haben uns in diesem Band sein. Man sollte sich davor hüten, in oberflächlicher Interpretation des JihadGedankens der islamischen Zivilisation pauschal einen aggressiven Expansionismus zu unterstellen, Bauern und Hirten.41 Überall, wohin Eroberer kamen, gründeten sie zunächst Städte – nicht nur als militärische Brückenköpfe, sondern auch als Weltreich des 13. und 14. Jahrhunderts abgesehen, „empirebuilders“ als Repräsentanten eines kulturell hochstehenden städtischen Lebens gegenüber der „rückständigen“ Welt der von Zivilisierungsmissionen gesprochen werden kann, nicht gestellt. Eine kurze Bemerkung muss daher genügen. Wenn man sehr weit ausholt und allgemeine Lande wie Tibet auf die friedliche Attraktion des chinesischen Modells für die Barbaren vertraute. Sie würden letztlich einsehen, dass ihnen Merkmale von akquisitiver Reichsbildung betrachtet, dann muss zunächst zweierlei gesagt werden: Erstens sahen sich, von wenigen Ausnahmen wie dem Mongolischen 2004, S. 36. Ostasien im 19. Jahrhundert die Theorie und Praxis von Zivilisierung auch außerhalb des europäischen Einflussbereichs gab. Die Verbindung zu einem Band. Vgl auch Michael Francis Leffan, Islamic Nationhood and Colonial Indonesia: The Umma below the Winds, London 2004, S. 77 die schwierige Frage, ob und in welchem Sinne für die europäische Frühe Neuzeit und das erste Zeitalter der europäischen Überseeexpansion Jürgen Osterhammel 378 war so hoch entwickelt (auch bei den assimilierten Mandschuren), dass man trotz aller obrigkeitlichen Bemühungen in einem |
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| Frage stellen. Die Imperien der Frühen Neuzeit bewegten sich im Wesentlichen innerhalb eines solchen Rahmens. Am weitesten ging das spanische Serge Gruzinski, La colonisation de l’imaginaire: Sociétés indigènes et occidentalisation dans le Mexique espagnol, XVIIeXVIIIe siècle, Paris 1988. 47 Anthony Imperien eine strukturelle Notwendigkeit, sich nach den Brutalitäten der Eroberungsphase als „bienfaisant“ zu präsentieren.44 Dem Imperium muss daran gelegen sein, anderen Seite war, abermals mit Ausnahme Spaniens, keine der europäischen Expansions 42 Vgl. etwa Richard Drayton, Nature’s Government: Science, Imperial Zivilisierungsmission und Moderne 379 niemals erreicht werden konnte.42 Im 19. Jahrhundert wurde die „Verbesserung“ der Natur auch in Europa das, „hiérocratie autocratique“ zu entwerfen.45 Diese beiden Rahmenbedingungen markieren den Umkreis, innerhalb dessen Zivilisierungsmissionen nach der Logik imperialer Herrschaft funktional sein was sie etwa in China schon seit langer Zeit gewesen war: eine Aufgabe für generalstabsmäßig geplante Ingenieurprojekte. Ingenieure hatten sich können. Sie sollen die natürliche Ausstrahlung städtischen Lebens unterstützen, dürfen aber nicht durch übertriebene Aggressivität die Fiktion imperialen Einvernehmens in das gewesen, was Napoleon für Europa war: „the remaker of worlds and the redrawer of maps“.43 Zweitens ist es für Britain and the „Improvement“ of the World, New Haven/London 2000, S. 59 ff., 83 ff. 43 Mark Cioc, The Rhine: Pagden, Lords of all the World: Ideologies of Empire in Spain, Britain and France c. 1500c. 1800, New Haven/London 1995, die Fiktion eines freiwilligen Konsenses herzustellen und ein Bild von sich nicht als Tyrannei, sondern als, wie Jean Baechler sagt, An Ecobiography 18152000, Seattle/London 2002, S. 48. 44 Jean Baechler, Démocraties, Paris 1985, S. 675. 45 Ebd., S. 676. 46 bereits um Trockenlegung in den Niederlanden oder um den Bau von „ponts et chaussées“ in Frankreich gekümmert. Nun trat ein Mann wie der RheinBegradiger Johann Gottfried Tulla auf, von dem ein modernen Historiker gesagt hat, er sei für den Rhein Allgemeinen steckten die frühneuzeitlichen Imperien in einem Dilemma. Auf der einen Seite war das unverbrämte Recht des Stärkeren in der S. 79 ff., 92. Weltreich, das der missionierenden Kirche einen großen Spielraum ließ und sich große Mühe mit einer „colonisation de l’imaginaire“ gab.46 Im europäischen Tradition als maßgebende Rechtfertigung für koloniale Eroberung nicht akzeptabel, und die mittelalterliche Denkfigur des „gerechten Krieges“ spielte allenfalls in Spanien noch eine gewisse Rolle.47 Es bedurfte also einer Argumentationsweise, die zumindest minimal die Wohltaten der Kolonisierung herausstrich. Auf der |
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| die Idee, die dann im 19. Jahrhundert einflussreich 48 David Armitage, The Ideological Origins of the British Empire, Cambridge 2000, seiner Sicht minderwertigen gälischen Kultur verlangte und die moralische Reform der allzusehr in Irland akklimatisierten Old English Settlers anmahnte,48 doch nicht hingegen aus der Raison des Empire insgesamt. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, etwa beim späten Immanuel Kant, wird, gewann ein solcher Standpunkt keine allgemeine Verbindlichkeit. Das Empire blieb in seiner Organisation wie in seiner vorherrschenden Bewusstseinsform ein durch von einem Standpunkt kosmopolitischer Inklusivität, das Fehlen kultureller Kohäsion in den europäischen Überseereichen bemängelt. Sie hätten, so paraphrasiert Anthony Pagden diese Kritik, die Chance, eine wahrhaft universale Kultur, eine globale „civitas“ zu schaffen, verstreichen lassen.51 Hinzu kommt noch, dass ein 169212. 49 Armitage, The Ideological Origins, S. 195 f. 50 Boris Barth, in diesem Band, sieht dies sehr skeptisch. 51 Jürgen Osterhammel 380 eliten darauf erpicht, eine homogene imperiale Kultur herzustellen. In den Fällen Großbritanniens und der Niederlande war „imperium“ 1998, S. 16 u. passim. kulturelles Überlegenheitsgefühl der Europäer gegenüber den asiatischen Reichen erst im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allmählich entstand. Die nur und wurde bestenfalls in sehr eingeschränktem Maße geduldet. Zwar trat im englischen Empire bereits um 1600 ein modern anmutender im 17. und 18. Jahrhundert im Prinzip ein kommerzielles Projekt, das keiner „moral regulation“ bedurfte. Die christliche Mission störte da Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts hinein war die allgemeine Haltung eher durch friedliche Koexistenz zu kommerziellen Zwecken geprägt.52 Niemand kam auf Ronald G. Asch, Kulturkonflikt und Recht. Irland, das „Common Law“ und die „Ancient Constitution“, in: Ius Commune 21 (1994), S. S. 52 ff. (Zitat S. 52). Zum Hintergrund: Nicholas P. Canny, Making Ireland British 15801650, Oxford 2001, S. 42 ff.; Haltung ihnen gegenüber blieb lange die von kulturellem wie auch politischem Kompromiss, nicht von Unterwerfung. Bis in die letzten beiden Programmatiker wie Edmund Spenser auf, der im Verhältnis zu Irland „[an] ethnological justification for conquest“ entwickelte, die Unterdrückung der aus Pagden, Lords, S. 152. 52 Vgl. Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München keine übergreifende transkontinentale Identität zusammengehaltenes Mosaik.49 Sofern es gegenüber den Ureinwohnern Amerikas Zivilisierungsversuche gab,50 ergaben sie sich aus lokalen Situationen, |
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| Mythos und seine Bilder, Stuttgart 2004, S. 95118, hier S. 116. 54 Broers in diesem Band. 55 John Gray, Enlightenment’s leichtfertigen Umgang mit der Aufklärungsliteratur des 18. Jahrhunderts. In ihr waren Ansätze zu einem kulturellen Relativismus und zu interkultureller Toleranz Rationalismus der 53 Vgl. zu den Ambivalenzen im Rechtsverhältnis zwischen Europa und Asien auch Heinhard Steiger, Recht zwischen Europa und Wake: Politics and Culture at the Close of the Modern Age, London/New York 1995, S. 145. Natur zugleich deren tatsächliche Beherrschung vorbereitet. Sie habe die Welt durchrationalisieren, kulturellen Eigensinn nivellieren und die Selbstermächtigung der instrumentellen Vernunft insgesamt gesehen, während der ersten drei Jahrhunderte der europäischen Überseeexpansion die Voraussetzungen für Theorie und Praxis von Zivilisierungsmissionen. Sucht man nicht schwer, von hier aus auch den angeblichen „Logozentrismus“ der Aufklärung für eine verhängnisvolle, in der heutigen Außenpolitik der USA viel stärker entwickelt, als diejenigen glauben, die erst Johann Gottfried Herder zum Helden des romantischen Widerstandes gegen den angeblich gleichmacherischen Asien im 16. und 17. Jahrhundert?, in: Klaus Bußmann / Elke Anna Werner (Hg.), Europa im 17. Jahrhundert. Ein politischer philosophisch begründen wollen. Ihr Ziel sei eine einförmige und entzauberte Weltkultur gewesen. Heute, so der englische Politologe und Philosoph John einen schlechten Ruf. Die Aufklärung, so heißt es pauschal, habe mit ihrer Doktrin von der Beherrschbarkeit der menschlichen und außermenschlichen Gray, lebten wir in den Trümmern dieses vermessenen Projekts, „which was the ruling project of the modern period“.55 Es ist großen innereuropäischen Bewegungen kultureller Revolution: der Reformation und, wie Michael Broers in diesem Band andeutet,54 der tridentinischen Gegenreformation. III. Aufklärung ideengeschichtliche Vorläufer der Zivilisierungsmissionen des 19. Jahrhunderts, dann wird man sie möglicherweise weniger in der Kolonialgeschichte finden als bei den gipfelnde Ideologie der „civilizing mission“ verantwortlich zu machen. Diese Auffassung ist richtig und falsch zugleich. Sie beruht zumeist auf einem Zivilisierungsmission und Moderne 381 werden sollte, europäisches oder europaförmiges Recht solle in Asien außerhalb winziger Handelsenklaven eingeführt werden.53 So fehlten, und Reformdespotismus In der Literatur, die in einem weiten Sinne als „postmodern“ oder „postkolonial“ bezeichnet werden kann, hat die Aufklärung |
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| Richtig ist aber etwas anderes: Erstens hat die Aufklärung einen Begriff von einem innerweltlichen, von jeglichem Heilsgeschehen gelösten Prozess der Ideologies of Western Dominance, Ithaca/London 1989, S. 199 ff. gibt Roy Porter, The Creation of the Modern World: The Untold Story of the British Enlightenment, London/New York 2000, S. seiner eigenen geistigen und 56 Dazu jüngst Sankar Muthu, Enlightenment against Empire, Princeton/Oxford 2003. 57 Jürgen Osterhammel, Nation und Zivilisation in der britischen Historiographie von Hume bis Macaulay, in: Historische Zeitschrift 254 (1992), S. 281340. Eine gute Zusammenfassung dieser Sichtweise Training, Missionierung oder Konversion geschehen. Auch der klassische deutsche Bildungsbegriff passt in diesen Zusammenhang: nur ein Subjekt, das zielstrebig an Jürgen Osterhammel 382 „philosophes“ erheben. Die Vision einer globalen Leitkultur hat mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wenig zu tun.56 Gesellschaft durch Reformen den idealen Maßstäben der Vernunft anzunähern. Daher kämpften Herrscher und Staatsbürokratien im Bunde mit „philosophes“ aller Schattierungen Zivilisierung entwickelt. Besonders die schottischen Aufklärer, die jüngste Entwicklung ihres eigenen Landes vor Augen, haben einen solchen Übergang von „rude“ gegen Grausamkeiten der Strafjustiz, allzu offensichtliche feudale Sonderrechte, „tote“ Traditionen, partikularistische Autoritäten, Vorurteile und „Aberglauben“ aller Art. Der zentrale Gedanke „aufgeklärten Absolutismus“ war es nicht mehr allein die Aufgabe des Staates, sich selbst zu repräsentieren und zu perpetuieren, sondern die trotz mancher Zweifel von Fachleuten an der Berechtigung des Begriffs „Absolutismus“ die Tatsache, dass im Europa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Staat in einem neuartigen Sinne zum Vehikel transformativer Eingriffe in die Gesellschaft wurde. In der Theorie dieses 246255. Aus diesem Geiste heute eine Historiographie über die Verfeinerung des materiellen Lebens, etwa Richard L. Bushman, The Refinement of nur Notstände ausbessern, sie sollen eine neue und vernünftigere Ordnung herbeiführen. Dies muss wesentlich durch Veränderung der Menschen mittels Erziehung, America – Persons, Houses, Cities, New York 1992. 58 Michael Adas, Machines as the Measure of Men: Science, Technology, and in seiner Fähigkeit lokalisierten, ein Wissen von der Natur in Technologie umzusetzen, kurz: Instrumente und Maschinen zu erfinden.58 Drittens bleibt von 175462) beschrieben.57 Zweitens waren es Autoren des 18. Jahrhunderts, die als erste Europas Überlegenheit über den Rest der Welt zu „polite“ in gesellschaftlichen wie politischen Umgangsformen theoretisch entworfen und historiographisch (vor allem David Hume in seiner History of England der Aufklärung, der unmittelbar zur Idee der Zivilisierungsmission hinführt, ist der der planmäßigen Veränderung transformativen Charakters. Reformen sollen nicht mehr |
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| seine Hoffnungen in eine republikanische Umgestaltung der Staatenwelt gesetzt. Die konsequente Fortführung dieses Gedankens war es, außenpolitische Sicherheit langfristig nur seine Untertanen militärisch motivierender Staat und ein transformatives Kulturverständnis nahe aneinander rückten. Fast alle namhaften Schriftsteller der Aufklärung waren Gegner Zivilisierungsmissionen werden sollten: Der Invasor stilisierte sich zum Freund des befreiten einheimischen Volkes, und er verband den militärischen Einfall mit der modernen Idee der Zivilisierungsmission, und Napoleon, wie Michael Broers zeigt,60 zog daraus die Konsequenz. Die Idee der Zivilisierungsmission entstand andere Autoren hatten später daraus das Recht gefolgert, die Ursachen dieses Übels zu beseitigen. Thomas Jefferson hatte, wie wir sahen, aber auch eine defensive und realpolitische Seite. Schon Montesquieu hatte die infizierenden Rückwirkungen des „orientalischen Despotismus“ auf Europa gefürchtet, und Pferde“ mit befreiender Kraft in die Finsternis orientalischer Gewaltherrschaft hineinfuhr. Die ÄgyptenInvasion zeigte zwei neue Merkmale, die stilprägend für moderne von einem Sturz kriegerischer Tyrannen, Fürsten und Feudalklassen zu erwarten. Diesem Sturz konnte, wie Napoleons Kriegszüge bewiesen, nachgeholfen werden. Frankreich der Imperien ihrer Zeit gewesen. Nun erschien erstmals die Möglichkeit eines dynamischen Befreiungsimperialismus am Horizont. Er war fortschrittlichoptimistisch gestimmt, hatte die Invasion Ägyptens, die kaum überraschen kann, wenn man sich ansieht, wie stark sich das propagandistische Bild des muslimischen Orients nicht zwangsläufig aus den Grundprämissen der Aufklärung selbst, sondern erst in dem Moment, als nach der Französischen Revolution ein interventionistischer, durchlief innerhalb weniger Jahrzehnte den vollständigen Zyklus der frühen Zivilisierungsmission von stürmischem Aufbruch zur Stagnation. An seinem Anfang stand 1798 in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verdüstert hatte. Ideengeschichtlich war die Szenerie längst vorbereitet, in der die „Aufklärung zu Zivilisierungsmission und Moderne 383 moralischen Vervollkommnung arbeitet, schöpft die Möglichkeiten aus, die in ihm schlummern.59 Hier liegen wichtige ideengeschichtlichen Wurzeln organisierter Wissen 59 Vgl. auch Zygmunt Bauman, Life in Fragments: Essays in Postmodern Morality, Oxford 1995, S. 166 f. 60 In diesem Band. |
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| savante: Avec Bonaparte, Kléber, Menou 17981801, Paris 1998, bes. S. 193 ff. 62 Vgl. Jamil M. AbunNasr, A History of Vernünftigkeit der zu errichtenden neuen kolonialen Ordnung beitragen, zum anderen der europäischen Öffentlichkeit die Schätze exotischer Landschaften und unter ihnen der General Bugeaud in den Jahren 1844 bis 1847 die Auseinandersetzung entschied.62 Damit war der Zyklus abgeschlossen. Auf den fidelioartigen verborgener untergegangener Kulturen erschließen. Der neue vormundschaftliche europäische Kolonialstaat sei in jedem Fall ein Zvilisationsfortschritt gegenüber den archaischen einheimischen Regimen. bei der Eroberung Algeriens nach 1830. Sie war zunächst propagandistisch als Aushebung eines kriminellen Piratennests, des „Barbareskenstaates“ Algier, konstruiert worden. Jahrhunderts. Er begann mit den vom Geiste der Aufklärung getragenen rationalisierenden Reformen des Lord Cornwallis im Bengalen der 1790er Jahre, keineswegs zurück, sondern steigerten, unter Verzicht auf jegliche Zivilisierungsambitionen, ihre Aggression bis zum Terrorkrieg gegen die algerische Zivilbevölkerung, mit dem the Maghrib in the Islamic Period, Cambridge 1987, S. 259. zum Beispiel die Anlage von Mustergärten gefördert. Neu war aber nun der Gedanke, die Wissenschaften selbst könnten zum einen zur Befreiungsfanal war die trübe Realität eines beliebigen Unterwerfungskrieges geworden. Einen ähnlichen, zeitlich weiter gespannten Zyklus findet man bei den Briten Als dann aber die Franzosen auf einen genuin populären Widerstand unter der Führung des Amirs AbdulQadir trafen, zogen sie sich Die Bergung der Schätze der außereuropäischen Welt wiederum würde zur weiteren Anhebung des Kulturniveaus der Europäer beitragen (ein Gedanke, der erreichte seinen Höhepunkt mit dem reformierenden Eingreifen in die indische Gesellschaft unter Generalgouverneur Lord 61 Yves Laissus, L’Égypte, une aventure letzten Tagen der Restaurationszeit bis zum Ende der Julimonarchie – füllte im britischindischen Fall die ganze erste Hälfte des 19. Jürgen Osterhammel 384 schaftlichkeit großen Stils.61 Auch zuvor schon hatten sich Kolonialmächte gelegentlich mit der Gelehrsamkeit ihrer Zeit zusammengetan und allerdings um etwa 1820 sehr kontrovers diskutiert wurde). Der Zyklus setzte sich damit fort, dass viele der Einheimischen gar nicht zivilisiert werden wollten. Dies war bereits in Ägypten der Fall, und Napoleon hatte mit großer Brutalität reagiert. Ähnliches wiederholte sich in Indien. Die Erfahrung, die die Franzosen zweimal während kürzerer Perioden machten – unter Napoleon und dann wieder in den |
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| griechischen Staat gründeten, wurde der gesamte politische Überbau einschließlich eines bayerischen Prinzen und einer bayerischen Bürokratentruppe, importiert und oktroyiert. Hinzu ausgeführten Voraussetzungen noch nicht zusammenhängend interpretiert worden. C. A. Bayly hat einen anregenden Versuch in diese Richtung unternommen, dabei aber für ein verwahrlostes, von ihrer glorreichen Vergangenheit durch zwei Jahrtausende Fremdherrschaft getrenntes Hirtenund Bauernvolk hielt, das zu seiner Befreiung vom Guten Hoffnung und in der holländischen Kolonie Java (das sie zwischen 1811 und 1816 besetzt hielten) den dort ansässigen Niederländern kamen die gleichzeitig vorgetragenen Thesen des Orientreisenden und Historikers Jakob Philipp Fallmerayer, der jede 63 C. A. Bayly, Imperial Meridian: of Batavia: European and Eurasian in Dutch Asia, Madison WI 1983, S. 96113. zu lassen. Sie dämpfte den reformistischen Schwung des Raj und wurde durch eine Haltung herrscherlicher Distanz abgelöst, die dem kolonialen Zivilisierungsmission und Moderne 385 William Bentinck und seinem Justizminister Thomas Babington Macaulay um 1830 und vollendete sich im großen indischen traten Briten damals das Erbe älterer Kolonialmächte an, denen sie kaum verhohlene Verachtung entgegen brachten. So wie Edmund Spenser in The British Empire and the World 17801830, London/New York 1989, S. 100 ff. 64 Jean Gelman Taylor, The Social World Aufstand (der „Mutiny“) von 1857. Die Mutiny wurde als die Weigerung der Inder (oder vieler von ihnen) betrachtet, sich zivilisieren bzw. „Buren“ mit kaum geringerer, ja, oft mit größerer Herablassung als den Einheimischen.64 Ähnliches wiederholte sich wenige Jahre später in status quo Vorrang vor einer zielstrebigen Verbreitung europäischer Kulturwerte einräumte. Die Zeit um 1800, die „Sattelzeit“, ist unter den gerade Griechenland. Der Enthusiasmus der britischen und deutschen Philhellenen galt viel mehr einem überzeitlichsymbolischen Hellas als den „jetztlebenden“ Griechen, die man die konservativen Aspekte gegenüber den transformativen zu stark in den Vordergrund gestellt.63 Würde man diesen größeren Zusammenhang herstellen, dann müsste der elisabethanischen Zeit die „verwilderten“ altenglischen Siedler in Irland zivilisieren wollte, so begegneten die Briten nach 1795 am Kap der „Türkenjoch“ aus eigenen Kraft gar nicht fähig gewesen wäre. Als die Großmächte dann 1830 aus Gründen der internationalen Politik einen man auch den Stimmungsund Strategiewechsel in der britischen Imperialpoltik zur Zeit der napoleonischen Kriege beachten. An mehreren Stellen der Welt |
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| Jürgen Osterhammel 386 ethnische Kontinuität zwischen antiken Hellenen und modernen Griechen bestritt und sich zu der Behauptung aufschwang, dass als deswegen besonders interessant, weil hier aus der Erfahrung, Nutznießer und Zögling einer Zivilisierungsmission des „entwickelten“ Nordens geworden zu sein, sich (1998), S. 717, bes. S. 2. 67 Richard Clogg, A Concise History of Greece, Cambridge 1992, S. 100. durch den Ersten Weltkrieg keineswegs wehrlos gemachten Türkei. Damit war die griechische Zivilisierungsmission im Nahen Osten beendet.67 IV. Die viktorianische 1981, S. 113 ff. 66 Vgl. Gustav Auernheimer, Fallmerayer, Huntington und die Diskussion um die neugriechische Identität, in: Südosteuropa 47 Zivlisierungsmission Auch im 19. Jahrhundert wurden koloniale Eroberungskriege so gut wie niemals mit der erklärten Absicht geführt, ein anderes Volk zit. Thomas Leeb, Jakob Philipp Fallmerayer (17901861). Publizist und Politiker zwischen Revolution und Reaktion, München 1996, S. 55. Zur bayerischen Türken entwickelte. Er kulminierte schließlich 1919 in der militärischen Invasion Kleinasiens, gefolgt von der vernichtenden Niederlage der Griechen gegenüber einer Palmerston, der zwischen 1830 und 1865 mit kurzen Unterbrechungen Londons auswärtige Beziehungen prägte, tat dies jahrzehntelang ohne Skrupel. 65 Fallmerayer, zivilisieren zu wollen. Üblich wurde es aber, mittels militärischer Aktionen anderen „eine Lektion zu erteilen“. Die britische Politik unter Lord fließet“.65 Damit schienen ursprungsmythischen Begründungen des entstehenden griechischen Nationalismus der wissenschaftliche Boden und zugleich den Philhellenen der Gegenstand ihrer Bewunderung einem bayerischen Zivilisierungsregiment unterworfen, ein Zustand, der sich auch danach in der Praxis erst langsam änderte. Der griechische Fall ist Folge äußerer Kolonisation „auch nicht ein Tropfen echten und ungemischten Hellenenblutes in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands in Gestalt der mythischen „Großen Idee“ (megali idea) vom wiederaufblühenden expansiven Griechenland ein Überlegenheits und Zivlisisierungsanspruch eigener Art gegenüber den Herrschaft über Griechenland vgl. Wolf Seidl, Bayern in Griechenland. Die Geburt des griechischen Nationalstaats und die Regierung König Ottos, München entzogen zu sein.66 Griechenland, wo der bayerische König Ludwig I. das alte Hellas wiederherstellen wollte, blieb bis 1835 ganz offen |
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| Social Theory, in: History of the Human Sciences 1 geben. Zudem bot sie, wie Albert K. Weinberg in einer klassischen Studie geschrieben hat, „a lofty motive which aggressive peoples Griechenland) darauf hinzuweisen, dass es ratsam sei, sich den von Großbritannien definierten „zivilisierten“ Normen des internationalen Umgangs zu fügen. Obwohl Es blieben allein innerweltliche Begründungen. Da der Rassismus als neue Doktrin des Stärkeren noch nicht ausgeprägt war, stand er legitimatorisch had not usually claimed before the racially and culturally selfconscious imperialism of the nineteenth century“.70 Ob und wie sie tatsächlich Eindruck jüngster Entdeckungsreisen über „Zivilisation“ und deren Gegenteil debattiert hatte.71 Doch um 1830 herum wurden in Großbritannien die 68 So 1935, S. 284. 71 Vgl. aus einer sehr umfangreichen Literatur vor allem Anthony Pagden, The ‚Defence of Civilization‘ in EighteenthCentury einstweilen nicht zur Verfügung. Die Zivilisierungsmission war die charakteristische Kolonialideologie des „age of improvement“. Dabei konnte sie unterschiedlich motiviert sein: etwa durch entschiedene Auffassungen von christlicher Verantwortung in der Welt, wie sie durch das Evangelical Revival seit den 1790er Jahren Winfried Baumgart, Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 18301878, Paderborn 1999, S. 181. 69 Vgl. Eric Stokes, The English aufgekommen waren, oder auch durch einen aus der Aufklärung herübergeretteten Ansatz utilitaristischer Sozialreform.69 Es schien keine Alternative zur Zivilisierungsmission zu sie selten kriegslegitimierend war, erreichte die Idee der Zivilisierungsmission dennoch zwischen etwa 1830 und 1880 den Höhepunkt ihrer internationalen Wirkung. Zivilisierungsmission und Moderne 387 Die Lektion bestand zumeist darin, durch „Donnerpolitik“68 außereuropäischen Ländern und Kleinstaaten an der europäischen Peripherie (z.B. praktiziert wurde, ist eine andere Frage. Da sie unter Bedingungen viktorianischer Finanzpolitik billig zu sein hatte, blieb sie, was staatliche Utilitarians and India, Oxford 1959. 70 Albert K. Weinberg, Manifest Destiny: A Study of Nationalist Expansionism in American History, Baltimore/London Initiative betraf, hauptsächlich auf gesetzgeberische Maßnahmen beschränkt. Zweitens wurde nun erst die intellektuelle Grundlage jeglicher Zivilisierungsmission in voller Entfaltung geschaffen, nämlich ein normativer Begriff von Zivilisiertheit. Viele seiner Elemente gingen auf das 18. Jahrhundert zurück, als ganz Europa unter dem koloniale Herrschaft. Sämtliche vormodernen Gründe waren diskreditiert: das Recht des Eroberers, der gerechte Krieg, die göttliche Sanktion fürstlicher Herrschaft usw. Dies hatte verschiedene Gründe, die zusammen gesehen werden müssen. Erstens gab es damals gar keine andere Rechtfertigung für Interventionen und |
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| Weltsicht allgemein anerkannt und seit den sechziger Jahren von evolutionistischen Theoretikern zu wissenschaftlichen Weihen (1988), S. 3345; Peter J. Marshall, Modernity in Britain and the Empire 16601840, Cambridge 2004. 72 George W. Stocking, Victorian Anthropology, New York/London 1987, S. 36. Vorläufer. Nach wie vor ging es – wie schon im späten 18. Jahrhundert um einen allgemeinen Fortschritt von Wissen, Technik, Taming the Exotic: The British and India in the Seventeenth and Eighteenth Centuries, in: G. S. Rousseau / Roy Porter bedürftige Triebausstattung, die der Mensch als Gattungswesen aus früheren Stadien seiner Entwicklung mitschleppte.72 Dieser Sieg war niemals endgültig. Vor allem durch strikteste Selbstkontrolle zu begegnen war.73 Zivilisation bedeutete die Herrschaft des freien Geistes: über Unwissenheit, Krankheit, Tyrannei, Aberglauben und zu Verwaltung; eine „gemäßigte“ Politik, die große Kriege und Revolutionen vermied; ein Streben nach Sauberkeit, Hygiene und materiellem Komfort auf mittlerer ein innerweltlich aktivierendes Christentum protestantischer Prägung. Anders als im Denken der Aufklärung bedeutete „Zivilisation“ unter der Prämisse solcher „victorian values“ Siehe auch Niels P. Peterssons Kapitel im vorliegenden Band. 73 Vgl. Ronald Hyam, Empire and Sexuality: The British Experience, Manchester Ebene zwischen Luxus und Elend; Sparsamkeit im persönlichen wie im staatlichen Leben; eine Ethik der Selbstdisziplin einschließlich sexueller Zurückhaltung; zuletzt internationalen Handel; die Herrschaft des durch eine unbestechliche Justiz garantierten Rechts („the rule of law“); eine repräsentative Regierungsform mit korruptionsfreier nun nicht mehr die zwanglose Entfaltung der im Menschen verborgenen Naturanlagen, sondern einen Sieg über eine der Disziplinierung und Läuterung guter Letzt auch über die dunklen Seiten der menschlichen Natur.74 Die Existenz einer „Stufenleiter der Zivilisiertheit“ wurde in der viktorianischen A Mission to Civilize: The Republican Idea of Empire in France and West Africa 18951930, Stanford 1997, S. 5 f. Jürgen Osterhammel 388 verschiedenen Elemente des Zivilisationsbegriffs neu kombiniert und zu einem Sinngebilde verdichtet, das konkreter bestimmt war als seine das angeblich die „animalischen“ Triebe reizende Klima der Tropen lockte die KolonialHerren immer wieder aufs Neue mit gefährlichen Heimsuchungen, denen 1990. 74 Zu „mastery“ als dem Zentralbegriff französischer Vorstellungen von „la mission civilisatrice“ um die Jahrhundertwende vgl. Alice L. Conklin, sozialer Organisation und Moral. Hinzu kamen nun aber Elemente, die der jüngsten britischen Erfahrung entsprangen: Wohlstand durch Gewerbefleiß und freizügigen (Hg.), Exoticism in the Enlightenment, Manchester/New York 1990, S. 4665; Kathleen Wilson (Hg.), A New Imperial History: Culture, Identity, and |
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| von Weltgemeinschaft gegenüber den Schwächeren und hätten das Recht und die Pflicht, diesen treuhänderisch zur Teilhabe am Fortschritt zu verhelfen. Völkerbund wirklich wichtig, gehen aber auf die frühviktorianische Epoche zurück.78 Die wichtigsten Vertreter der europäischen Völkerrechtslehre des 19. Jahrhunderts vertraten die Länder und Völker der Welt am Maßstab ihrer zivilisatorischen Qualität zu vergleichen und zu ordnen.76 Das viktorianische Großbritannien erhob eher eine evolutionistische als eine positivistischinterventionistische Sicht: das sich zu ihrer Zeit bildende Völkerrecht sei weniger eine Satzung souve 75 Neue Politische Literatur 47 (2002), S. 1061. 77 Vgl. Martti Koskenniemi, The Gentle Civilizer of Nations: The Rise and Fall Trusteeship, AntiSlavery, and Humanitarianism, in: ebd., S. 198221, bes. S. 199 ff. York 2000; Alexander C. T. Geppert, Welttheater: Die Geschichte des europäischen Ausstellungswesens im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Forschungsbericht, in: erreichte, war das Völkerrecht.77 Zum ersten Mal kam jetzt auch der Gedanke auf, die „führenden“ Nationen seien Repräsentanten einer Art Zivilisierungsmission und Moderne 389 erhoben.75 Eine solche Stufenleiter ließ sich, so glaubte man, zu jedem Zeitpunkt beschreiben und abbilden, der Kristallpalastausstellung von 1851, war es Aufgabe solcher „Expos“, wie sie in Europa und seit 1876 auch in den USA stattfanden, Auerbach, 1999. The Great Exhibition of 1851: A Nation on Display, New Haven/London; Winfried Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt a.M./New Solche Ideen von „trusteeship“ oder gar „sacred trust“ wurden erst im frühen 20. Jahrhundert unter den Auspizien von Wilsonianismus und Ort einer jeden sozialen Gemeinschaft auf der Skala präzise angeben. Seit der ersten großen Weltausstellung, der Londoner „Great Exhibition“ oder der deutschen und österreichischen „Völkerkunde“. Adam Kuper, Anthropology, in: Theodore M. Porter / Dorothy Ross (Hg.), The Cambridge History of History of the British Empire, Bd. 3: The Nineteeth Century, Oxford 1999, S. 170197, bes. S. 173 ff.; Andrew Porter, Science, Bd. 7: The Modern Social Sciences, Cambridge 2003, S. 354378, hier S. 355360. 76 Trotz einer umfangreichen neueren Literatur immer noch wertvoll: Utz Haltern, Die Londoner Weltausstellung von 1851. Ein Beitrag zur Geschichte der bürgerlichindustriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Expansion und das Völkerrecht. Die Auseinandersetzungen um den Status der überseeischen Gebiete vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984, sich zum Zivilisationsmodell schlechthin, und die Welt akzeptierte zunächst diesen Anspruch. Eine andere Zivilisierungsinstanz, die jetzt den Höhepunkt ihres Prestiges S. 290 ff. 78 Vgl. Peter Burroughs, Imperial Institutions and the Government of Empire, in: Andrew Porter (Hg.), The Oxford of International Law 18701960, Cambridge 2002; Wilhelm.G. Grewe, Epochen der Völkerrechtsgeschichte, BadenBaden 21988, S. 520 ff.; Jörg Fisch, Die europäische Münster 1971; daneben Paul Greenhalgh, Ephemeral Vistas: The ‚Expositions universelles‘, Great Exhibitions and World’s Fairs 18511939, Manchester 1988; Jeffrey A. Vgl. resümierend Henrika Kuklick, The Savage Within: The Social History of British Anthropology 18851945, Cambridge 1991, S. 7589, unter Einbeziehung |
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| der Finsternis“) in den 1870er Jahren zu einem der Leitbegriffe kulturellen Selbstverständnisses wurde. Vgl. Carmen Blacker, The Japanese Enlightenment: A Study of the Writings of Fukuzawa Yukichi, Cambridge 1964, S. 32. Über Japan gelangten diese Begriffe nach China („Aufklärung“ = of civilization“, der es ermöglichte, die Rechtspraxis außerokzidentaler Länder als barbarisch oder überholt der Kritik zu unterziehen.81 V. Selbstzivilisierung In französische Zivilisationsbegriff unterschied sich vom britischen durch die wichtige Nuance, dass seine christlichen Konnotationen bei weitem schwächer entwickelt waren. Dies „Civilization“ in International Society, Oxford 1984. 82 Ähnliches geschah etwa in Japan wo bummei („Zivilisation“) neben keim („Aufklärung“, wörtlich: „Aufhellung 80 Ebd., S. 38 (unter Bezug auf den deutschen Juristen Adolf Lasson). 81 Vgl. Gerrit W. Gong, The Standard of und an der neuen offenen Weltordnung, die „public goods“ für alle bereitstellte, teilhaben. Gleichzeitig beeinträchtigte die politische Unruhe, die bis in die 1880er Jahre hinein in Frankreich herrschte, in den Augen vieler NichtEuropäer den Glanz der französischen Zivilisation nicht. Der qimeng, „Zivilisation“ = wenming), wurden dort aber erst nach dem Scheitern der Reformbewegung 1898 weithin diskutiert. Vgl. Vera war dort von großem Vorteil, wo außereuropäische Eliten an herrschenden religiösen Orthodoxien vorbei Reformen einzuleiten versuchten. Im osmanischen Türkisch wurde Welt weniger gefürchtet als bewundert wurde. Es galt als erfolgreichstes Land seiner Zeit, und viele wollten von seinem Erfolg lernen evolutionistischen Rahmen gut unterbringen. Nur wenige Juristen begannen seit den frühen siebziger Jahren zu erkennen, dass Modernität und kultureller Fortschritt bereits einen Höhepunkt ihres internationalen Prestiges. Palmerstons Kanonenbootpolitik sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das viktorianische Großbritannien in weiten Teilen der nicht unbedingt zu mehr Friedlichkeit unter den Staaten führen müssten.80 Völkerrechtler drängten nicht zu missionarischem Aktivismus, formulierten aber jenen „standard Gemeint waren damit „a higher level of social order, morality, 79 Koskenniemi, The Gentle Civilizer of Nations, S. 49, 73. Jürgen Osterhammel 390 räner Staaten als eines der vornehmsten Produkte des europäischen Zivilisationsprozesses.79 Auch „Rückständigkeit“ ließ sich in einem solchen bereits in den 1830er Jahren der in der klassischen islamischen Literatur unbekannte Terminus medeniyet als direktes Äquivalent zu „Zivilisation“ geprägt.82 den mittleren Dekaden des 19. Jahrhunderts erreichte die nun deutlich materialisierte normative Idee der Zivilisiertheit schon kurz nach ihrem Aufkommen |
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| Mächte zu entgehen. Japan und Siam (Thailand) ist dies in erheblichem Maße gelungen; Korea hingegen konnte sich seines großen Nachbarn und Reformer darauf einigen, „Zivilisation“ als attraktiven Wert zu betrachten. Auch der Islam wurde zunehmend nicht bloß als eine Religion, wie in so vielen anderen Projekten der Selbstzivilisierung – am Beginn die Wahrnehmung einer geradezu ehrverletztenden kulturellen Inferiorität. Vgl. Shmuel Kemal H. Karpat, The Politicization of Islam: Reconstructing Identity, State, Faith, and Community in the Late Ottoman State, Oxford 2001, The Chinese Enlightenment: Intellectuals and the Legacy of the May Fourth Movement of 1919, Berkeley 1986, S. 30 f. 83 der Öffnung des Landes 1853 in Japan, etwas später auch in China (dort zunächst in der britischen Kronkolonie Hongkong) studierten gezogen.86 In der außereuropäischen Welt kam das Bestreben hinzu, durch freiwillige und vorauseilende Selbstmodernisierung einer möglichen Fremdbestimmung durch die europäischen S. 11. 84 Eine vorzügliche Fallstudie über Begriffstransfer ist Douglas R. Howland, Translating the West: Language and Political Reason in Angehörige der jeweiligen Eliten das britische Zivilisationsmodell und seine innereuropäischen Alternativen, vor allem Frankreich und nach 1871 PreußenDeutschland. Der moderne NineteenthCentury Japan, Honululu 2002, S. 31 ff. 85 Vor allem François Guizots „Histoire générale de la civilisation en Europe“ (Paris sondern auch als Ensemble materieller Lebensformen betrachtet.83 Im Osmanischen Reich, in Lateinamerika, im formell osmanischen, faktisch aber selbständigen Ägypten, nach 1828) wurde weltweit einflussreich. 86 Der Prototyp einer solchen Selbstzivilisierung war der Aufstieg großer Teile der jüdischen Bevölkerung Mitteleuropas aus zu dem Zeitgenossen John Stuart Mill. Kollektive Selbstzivilisierung wurde zu einem Gebot der Epoche. Aus der Wahrnehmung, selbst nicht zivilisiert Zivilisierungsmission und Moderne 391 refinement, grace, good manners, development and secure, comfortable living“. Im späten 19. Jahrhundert konnten sich Konservative dem Ghetto ins Bürgertum innerhalb von drei Generationen nach dem Auftreten erster Reformer wie Moses Mendelssohn. Auch hier stand – Japan nicht erwehren, der einerseits unmissverständliche koloniale Ansprüche stellte, andererseits für Teile der koreanischen Intelligentsia ein bewundertes Vorbild gelun Schwarcz, Feiner, The Jewish Enlightenment, Philadelphia 2004, S. 21 ff. europäische Begriff der „Zivilisation“ wurde neben dem Türkischen in zahlreiche Sprachen übersetzt.84 Autoren, die man mit ihm identifizierte, wie François Guizot und Henry Thomas Buckle wurden weltweit einflussreich,85 neben ihnen auch die Klassiker des europäischen Liberalismus von Adam Smith bis zu sein und deshalb Nachteile zu ertragen, die mit einiger Anstrengung vermeidbar seien, wurden enorme Energien zur Entwicklung neuer Lebensentwürfe |
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| 2000, S. 116, hier S. 7. 90 Vgl. James Cracraft, The Revolution of Peter the Great, Cambridge Mass. 2003, S. argumentiert, als „cultural revolution“, der allerdings keine soziale Revolution zugesellt war. 90 Das petrinische Experiment war 87 Vgl. André Schmid, Osmanischen Reich, der MeijiOligarchie in Japan oder des siamesischen Monarchen waren Gruppen und Tendenzen im jeweils eigenen Land, vor allem Politiker, Gelehrter und Schriftsteller, also vor der „Weltöffentlichkeit“, als reformfähig zu legitimieren. Die Wahrnehmung eigener Rückständigkeit konnte ein mächtiger Impuls länger genügten. Daher war das Zivilisationskonzept nicht selten die Speerspitze einer einheimischen Kulturrevolution, die zugleich als innere Kolonisierung auftreten konnte.88 Jürgen Osterhammel 392 gener Anpassung an die moderne Welt war.87 Zivilisierungsbedürftig in der Sicht solcher Reformer wie der TanzimatBürokraten im Ruck den Anschluss an das westliche Europa der Zeit um 1700 ermöglichen wollte. Zar Peter tat dies, wie James Cracraft konservative Hofkreise und Privilegienbesitzer auf der einen, die große Masse der Bauernschaft auf der anderen Seite. Dort, wo Reformkräfte politisch Die „Civilisirung“ Rußlands durch Peter I., in: werden konnte: Die Nation habe das Recht, unbehindert dem Ziel zivilisatorischer Vervollkommnung entgegen zu streben.89 Periphere Eliten sahen in diesem André Schmid, Introduction: Nations and Identities in Asia, in: dies. (Hg.), Nation Work: Asian Elites and National Identities, Ann Arbor Korea Between Empires 18951919, New York 2002, S. 101113. 88 So für Japan Sebastian Conrad in diesem Band. Vgl. auch Dass es nun eine international weithin anerkannte zivilisatorische Norm gab, führte zu dem Bedürfnis, nationale Unterschiede auf eine Skala von Zivilisiertheit, wie stark im einzelnen auch immer modifiziert, bedeutete stets eine Kritik einheimischer Traditionen, die einem solchen Standard nun nicht Fortschritt und Rückständigkeit zu projizieren. Zugleich etablierte die Norm ein universalistisches Entwicklungsziel, das leicht in jede Form nationalistischer Rhetorik eingebaut 76 f.; ausführlicher ders., The Petrine Revolution in Russian Culture, Cambridge, Mass. 2004. Für die deutsche Außensicht vgl. Astrid Blome, fest im Sattel saßen, gingen sie mit großer Entschiedenheit zu Werke, etwa die MeijiRegierung in Japan nach 1868 oder in Licht ihre eigenen Gesellschaften als antiquiert und verwundbar. Sie unternahmen große Anstrengungen, ihren jeweils eigenen Staat in den Augen westeuropäischer der Veränderung sein. Zum ersten Mal war dies vermutlich bei Peter dem Großen der Fall, der Russland mit einem großen den 1920er Jahren der noch radikaler verwestlichende Kemal Atatürk als Präsident der Türkischen Republik. Der Import einer westliche Idee von Jürgen Osterhammel, Liberalismus als kulturelle Revolution. Die widersprüchliche Weltwirkung einer europäischen Idee, Stuttgart 2004. 89 Vgl. dazu Timothy Brook / |
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| the Meiji Japanese and the Ottoman Turks during the Nineteenth Century, in: Japan Review 5 (1994), S. 145185. 92 Vgl. erschien plötzlich in neuem Licht als ungenügend. Um solche Diskrepanzen zu überbrücken, musste „Fortschritt“ organisiert werden. Was in zentralen Ländern brachialer staatlicher Aktivität denkbar. Das Projekt einer Selbstzivilisierung entsprang nicht automatisch dem ersten Kontakt mit den Kriegsschiffen, den industriellen Waren Colin Kidd die Geisteshaltung eines „historical inferiorism“ herausgearbeitet: Der kosmopolitische Weitblick der Philosophen und Gelehrten der schottischen Aufklärung ließ sie Kolonie, sondern Teil einer „composite monarchy“ war, zu einem Dilemma, dem man im 19. und 20. Jahrhundert überall auf der Depkat, Von der „Civilisirung“ Rußlands und dem „Aufblühen“ Nordamerikas im 18. Jahrhundert. Leitmotive der Aufklärung am Beispiel deutscher Rußlandund Amerikabilder, wie eine naturwüchsige Bewegung im Einklang mit dem Geschichtsprozess erschien, war, wie in den peripheren Ländern, nur als Ergebnis oft Welt begegnen sollte: Wie war es möglich, die eigene regionale Identität (einschließlich einer akzeptierten Vergangenheit) mit der Anerkennung eines neuen Colin Kidd, Subverting Scotland’s Past: Scottish Whig Historians and the Creation of an AngloBritish Identity, 1689c.1830, Cambridge 1993, S. 98. bereits manifeste oder zu befürchtende westliche Übermacht durch prophylaktische Partialmodernisierung zu unterlaufen; sowie das Interesse einzelner Herrscher oder Elitegruppen, diese gewisser Aspekte des zeitgenössischen Westens und damit verbunden Kritik an einigen fortschrittshemmenden Elementen der eigenen Kultur;91 der opportunistische Gedanke, die Zivilisierungsmission und Moderne 393 seiner Zeit weit voraus. Erst im 19. Jahrhundert führte die Wahrnehmung von Zivilisierungsdefiziten dazu, dass in Bremen 2002, S. 1571. 91 Dies manifestierte sich auch in der Überna hme westlicher Elemente in Alltagspraxis und materielle Kultur. Vgl. etwa Selçuk Esenbel, The Anguish of Civilized Behavior: The Use of Western Cultural Forms in the Everyday Lives of und Apparaturen, den Büchern und den selbstbewussten Individuen Westeuropas. In ihm kamen fast immer drei Komponenten zusammen: eine genuine Bewunderung und weiteren Horizonts zu verbinden, in den man sich im Interesse des eigenen Vorankommens integrieren musste?92 Schottland dies. / Volker erkennen, wie rückständig Schottland im Vergleich zu einigen anderen europäischen Gesellschaften war. Dies führte in Schottland, das selbstverständlich keine englische neue Lage zur Ausweitung des eigenen Machtspielraums und möglicherweise zur Effektivierung des eigenen Staatsapparates zu nutzen. Am Beispiel Schottlands hat Kategorien von Zentrum versus Peripherie, Statik versus Dynamik, „backward cultures“ versus „advanced societies“ gedacht wurde. Was gestern noch „normal“ war, |
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| können.93 Russlands „historical inferiorism“ war damit nicht beseitigt. Während des 18. Jahrhunderts kamen russische Intellektuelle nicht umhin, das Zarenreich mit eine Strategie der schockartigen Europäisierung von oben verwirklicht, ohne freilich die Strukturen und Mentalitäten des alten Moskowitertums ganz auslöschen zu persönlich profitierten.94 Erst Johann Gottfried Herder, der 1769 auf einer Reise von Riga nach Paris das Zivilisationsgefälle innerhalb Europas mit ein großer Respekt vor China erhalten, und auch Russland hatte seine eigene „orientalische Renaissance“97 93 „Europäisierung“ ist die zentrale Kategorie der Zivilisierungsmission entwickelte. Sie wurde durch die Romantik und das Aufkommen nationalistischer Sonderwegskonzepte vorbereitet und dann in den 1830er Jahren Geographical Expansion in the Russian Far East 18401865, Cambridge 1999, S. 47. 97 Vgl. Raymond Schwab, The Oriental Renaissance: Europe’s größter Sensibilität registriert hatte, deutete die angebliche „Rückständigkeit“ der osteuropäischen Völker als Quelle und Entwicklungsetappe genuin nationaler Kulturen.95 Russland ist bei Cracraft, The Petrine Revolution, etwa S. 309. 94 Vgl. Larry Wolff, Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on Jürgen Osterhammel 394 wählte den Weg weitgehender Integration, also der Anglisierung; es konnte dies freilich im Rahmen eines britischen Nationalstaates in eine ausformulierte Doktrin der Zivilisierungsmission übersetzt.96 Russland habe gegenüber Asien, das war die zentrale Doktrin, eine Heilsmission zu erfüllen, dem Westen vergleichen. Sie reagierten damit auf die umgekehrten Kommentare von Westeuropäern, die sich Gedanken darüber machten, ob und in deshalb besonders interessant, weil sich dort im 19. Jahrhundert aus der Position wahrgenommener Rückständigkeit eine eigene, stark messianisch aufgeladene Idee EighteenthCentury Russia, Cambridge 1997. 95 Wolff, Inventing Eastern Europe, S. 313. 96 Vgl. Mark Bassin, Imperial Visions: Nationalist Imagination and das Zarenreich vgl. etwa Anthony Cross, By the Banks of the Neva: Chapters from the Lives of the British in the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994, über das wechselnde Verhältnis von Inklusion und Exklusion Russlands. Über europäische „Entwickungshilfe“ an welchem Grade Russland zum europäischen Kulturraum gehöre und von denen manche als Geschäftsleute oder hochdotierte ausländische Fachleute von Russlands Defiziten Rediscovery of India and the East 16801880, New York 1984. relativ problemlos tun. In Russland hatte Peter der Große knapp ein Jahrhundert zuvor unter den Bedingungen eines autokratischen politischen Systems die zur geistigen und materiellen Erneuerung aller Beteiligten führen solle. In der russischen Gelehrtenkultur hatte sich länger als in Westeuropa |
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| gelähmt. Es repräsentiere einen gesunkenen oder sinkenden Teil der Menschheit, der dringend der Hebung bedürfe. Russland sei der natürliche Führer und Kaukasusregionen im 18. Jahrhundert, noch eher so etwas wie ein ethnographisches Museum für Gelehrtenexpeditionen, die zumeist von Deutschen geführt 98 Bassin, Imperial Visions S. 52 f. 99 Ebd., S. 57. 100 Vgl. Reginald Horsman, Race and Manifest Destiny: the schrittweisen militärischen Expansion des Reiches begleitet. Russlands Zivilisierungsmission wurde vielleicht deswegen so ungewöhnlich verbissen betrieben, weil sie sich mit einem für Geschichte Osteuropas 48 (2000), S. 210232, bes. S. 224. Vorstoß nach Osten sei der eines selbsternannten Vertreters westlicher Zivilisation (erst später wurde dieser Gedanke durch den sogenannten Asianismus in 94. 102 Siehe Dittmar Dahlmanns Kapitel in diesem Band. 103 Bassin, Imperial Visions S. 175. Vgl. zu den damit verbundenen wurde als Zivilisierungsmission ideologisiert,101 und zugleich wandte sich die Aufmerksamkeit den großen Möglichkeiten Sibiriens zu. Waren Sibirien sowie die Schwarzmeer Origins of American Racial AngloSaxonism, Cambridge, Mass./London 1981, S. 286 f. 101 Vgl. Susan Layton, NineteenthCentury Russian Mythologies of Caucasian zwangsläufige Ausbreitung der Zivilisation von Ost nach West verheiße den Nordamerikanern eine nationale Zukunft bei der Erschließung Asiens.100 Der Krimkrieg 1830 Jahren entstand ein anderes, ein negatives Asienbild und setzte sich bald durch: Asien stagniere und sei durch spirituelle Leere Asiens und zur Verbreitung von Licht und Aufklärung berufen.98 Russlands eigene prekäre Zwischenstellung reflektierte sich in dem Gedanken, der russische wurden,102 so setzte die Bauernbefreiung von 1861 das demographische Potental für eine Binnenkolonisation großen Stils frei.103 Sie wurde von der dämpfte die russische Begeisterung für den Westen, ohne die imperiale Expansionsdynamik auf längere Sicht zu bremsen. Die Unterwerfung der Kaukasusvölker Savagery, in: Daniel R. Brower (Hg.), Russia’s Orient: Imperial Borderlands and Peoples 17001917, Bloomington IN 1997, S. 8099, hier S. eine antiwestliche Richtung gedreht). Mindestens bis zum Krimkrieg dominierte die Idee, eine erfolgreich russische Zivilisierungsmission gegenüber Asien sei als Eintrittskarte ins zivilisierte Europa zu verwenden.99 Damit war gleichsam ein Komplementärmythos zu der damals in den USA verbreiteten Überzeugung geschaffen, die Vorstellungen vom kolonisierenden Bauern als „Kulturträger“: Willard Sunderland, The „Colonization Question“: Visions of Colonization in Late Imperial Russia, in: Jahrbücher Zivilisierungsmission und Moderne 395 erlebt und ebenfalls mit dem Gedanken eines kulturellen Gleichgewichts zwischen Europa und Asien gespielt. In den |
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| lange jedenfalls, wie sie mit einer Art von imperialem SupraNationalismus verbunden war, der an der traditionellen Duldung nichtislamischer Glaubensgemeinschaften nicht Zarenreichs wurde vor allem von den Modernisierungsbürokraten unter Alexander II. radikal in Frage gestellt. Allerdings sollte der Pauschalbegriff der „Russifizierung“ Zusammenstoß von russischem und muslimischem Recht löste daher, wie Jörg Baberowski formuliert, eine „Kulturrevolution“ aus.104 Der alte ethnische Pluralismus des Amur oder in der Mandschurei bedeutete, zielte sie vor allem auf die islamisch bevölkerten Teile innerhalb der Reichsgrenzen. Höchstes Ziel In China gab die Parole der „Selbststärkung“ (ziqiang) durch zaghafte Modernisierung einer ganzen Epoche den Namen: ca. 1860 bis 1895. WellProtected Domains: Ideology and the Legitimation of Power in the Ottoman Empire, London 1998, S. 46. 108 Vgl. Selçuk Ak Jürgen Osterhammel 396 ziemlich prekären, innerhalb der russischen Gesellschaft nicht sehr tief verankerten Nationalismus verband. Man ging in der Praxis die Grenzen von Integration und Vereinheitlichung im Reich nicht verdecken.105 Aus ganz unterschiedlichen Problemlagen heraus entwickelten sich verschiedenartige Formen versuchter, in Somel, The Modernization of Public Education in the Ottoman Empire 18391908: Islamization, Autocracy and Discipline, Leiden 2001, S. 205. Osteuropas 47 (1999), S. 482504. 105 So Andreas Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 226. 106 mit ungewöhnlicher Rücksichtslosigkeit zu Werke. Dort, wo die Zivilisierungsmission nicht bloß das siedelnde Vordringen in dünn besiedelte Weiten etwa am ders., Auf der Suche nach Eindeutigkeit: Kolonialismus und zivilisatorische Mission im Zarenreich und in der Sowjetunion, in: Jahrbücher für Geschichte rüttelte.107 Aber schon die Einführung eines reichsweit einheitlichen staatlichen Erziehungssystems mit uniformen Curricula unterminierte die Reformpolitik und weckte Gegenkräfte.108 Den war die Vereinheitlichung der Herrschaftsausübung nach französischem Vorbild. Dies sollte vor allem durch die Einführung eines überall geltenden Rechts geschehen, Vgl. etwa Jonathan D. Spence, The Search for Modern China, New York/London 1990, S. 194204. 107 Vgl. Selim Deringil, The Tanzimat (183976) eine Weile so aus, als würde eine Reformpolitik eher zur Integration als zur Desintegration des Reiches beitragen, so hochfliegenden Plänen der osmanischen 104 Jörg Baberowski, Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003, S. 41. Vgl. auch das, anders als das von den Briten gleichzeitig in Indien kodifizierte Recht, nur wenig Rücksicht auf einheimische Rechtstraditionen nahm. Der manchmal auch gelungener Selbstzivilisierung als partieller Selbstverwestlichung zum Zwecke der „Selbststärkung“.106 Im Osmanischen Reich sah es während der Reformperiode des |
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| 1999, S. 24. 110 Vgl. Alexander Schölch, Ägypten in der ersten und Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. ein Exportsektor auf die Beine gestellt, der auf Weltmarktniveau Baumwolle ausführte; einige Schulen westlichen Typs wurden errichtet und europäische Berater PücklerMuskau, einen 109 Gleichzeitig gab es ähnliche Ansätze im Iran, die allerdings bereits mit dem frühen Tod des reformfreudigen Kronprinzen viel Mühe, gegenüber ausländischen Besuchern seine modernisierenden Absichten und seine Hinneigung zum Westen zu unterstreichen. Muhammad Ali war der erste worden war, so wurde nun immerhin in Europa lebhaft diskutiert, ob es sich bei Muhammad Alis Regime um eine modernere die rivalisierenden Großmächte Frankreich und Großbritannien dazu, um sich in Ägypten eine eigenständige Machtbasis zu schaffen. Er gab sich sehr nichteuropäische Herrscher, der – ein halbes Jahrhundert vor den berühmten MeijiOligarchen, die 1868 in Japan an die Macht kamen – Parallelen im Zarenreich und im Habsburgerreich fanden. Eine besonders bemerkenswerte Figur ist Muhammad Ali, der zwischen 1805 und 1848 Ägypten ins Land geholt.111 Hatte Ägypten bis zu Muhammad Ali, also unter der Herrschaft der Mamluken, nicht grundlos in Europa als Zivilisierungsmission und Moderne 397 Reformer um die Jahrhundertmitte standen separatistischnationalistischen Bestrebungen innerhalb des Reiches entgegen, wie sie zur gleichen Zeit Alternative nicht nur zur jüngeren ägyptischen Vergangenheit, sondern auch zum übrigen Reich des Sultans handele. Es lohnt, die Stellungnahme ausführlich aber immerhin wurde das Militär reformiert, ein Staatsapparat von einer bis dahin in Ägypten unbekannten Einheitlichkeit und Regelungstiefe geschaffen und ‘Abbas Mirza 1833 endeten. Vgl. Nikki R. Keddie, Qajar Iran and the Rise of Reza Khan 17961925, Costa Mesa CA verwestlichende Reformen ohne Aufopferung der eigenen Souveränität in Angriff nahm.110 Im Vergleich zu Japan war das Programm der Veränderung bescheiden, in the Reign of Muhammad Ali, Cambridge 1984, S. 100 ff. eine primitive Tyrannei gegolten, die durch Bonapartes Expedition von 1798 zwar entmachtet, aber nicht durch ein lebensfähiges neues Regime ersetzt weitgehend selbstherrlich regierte.109 Nominell hatte er sein Amt als Repräsentant des Sultans in Istanbul angetreten, zu dessen Herrschaftsbereich Ägypten seit zu zitieren, die Hermann Fürst von PücklerMuskau in seinem 1844 veröffentlichten Buch Aus Mehemed Alis Reich dem Publikum vorlegte. Für Ein entwicklungsgeschichtlicher Vergleich, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 33 (1982), S. 333346. 111 Vgl. Afaf Lutfi AlSayyid Marsot, Egypt der Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte. Muhammad Ali nutzte aber die militärische Schwäche des Zentrums und die vorübergehende Protektion durch |
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| heute unter Mehemed Ali, in manchem, zum Beispiel der religiösen Unduldsamkeit, schlimmer. So finden wir das Monopolwesen, über das am 17. 113 Ebd. um sich zu überzeugen, dass unter Heinrich dem Achten und selbst noch unter Elisabeth der Zustand fast derselbe war wie Handel mit Europa nicht nur belebt, er hat ihn größtenteils neu geschaffen und durch die großartigsten Anlagen aller Art den sich aus diesen so mangelhafen Anfängen die jetzigen Engländer, eine der ersten, aufgeklärtesten und mächtigsten Nationen de Welt, nach und Gerechtigkeit und feste Norm eingeführt, als in irgendeinem andern orientalischen Staate annoch existiert“, er habe „den Fanatismus gebändigt“ und „den Jürgen Osterhammel 398 aufmerksamen und eloquenten Beobachter, war Muhammad Ali der große Zivilisator Ägyptens. „Er hat mit bewunderungswürdigem Organisationstalent in Grade herzustellen gewusst, dass man sein unermeßliches Reich vom Taurus bis an die Grenzen Abessiniens, so weit sein Gebiet sich nicht mehr Einfluß als ein türkischer Divan) ganz dieselben zu jener Zeit in England wie heute in Ägypten. Demohngeachtet haben Beraubung und Tod drohte.“112 Muhammad Ali habe „in der Ausübung der Justiz und in der Verwaltung innerhalb seines Gebiets mehr werden, selbst wenn es morgen unter die Botmäßigkeit der Franzosen oder Engländer käme. Man schlage doch nur David Hume auf, zwischen Meer und Nil und Wüste erstreckte, mit Gold beladen sicher und ohne Furcht durchziehen konnte, wo sonst jedem Schritt meisten geschrien wird, die Bestechlichkeit und Immoralität der Behörden wie die rücksichtslose Willkür des Gebieters (denn die Parlamente hatten damals gewählten Beispiel, das die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen veranschaulichen soll: „Mit einem Sprunge kann Ägypten kein zivilisierter Staat nach europäischen Begriffen er habe Ägypten noch nicht genügend zivilisiert. Dagegen argumentiert der Fürst ganz in der Logik nachholender Entwicklung mit einem gut nach entwickelt.“ 112 Hermann Fürst von PücklerMuskau, Aus Mehemed Alis Reich. Ägypten und der Sudan um 1840, Zürich 1985, S. in Ägypten gänzlich untergegangenen Sinn für Industrie wohltätig wiedererweckt“.113 PücklerMuskau fühlt sich bewogen, Muhammad Ali gegen den Vorwurf zu verteidigen, einem der verwahrlosesten und verwildertesten Länder der Welt Ordnung und Sicherheit, die ersten Bedürfnisse eines zivilisierten Staates, in einem solchen |
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| vor Mehemed Ali unter der Herrschaft der Mamlucken war. Mehemed Alis Wirken, so lange es ungehemmt blieb, hat unbestreitbar die ein postkoloniales Ägypten in die Tradition europäischer Verfassungsstaatlichkeit einzufädeln. Nach dem Ende des britischen Protektorats wurde das große Projekt der Selbstzivilisierung von den gemäßigten ägyptischen Nationalisten aufgegriffen und fortsetzt.117 Schließlich war es ein Ergebnis der neuen Maßstäblichkeit des westeuropäischen Zivilisationsmodells, f. (Hervorhebungen im Original). 115 Vgl. Khaled Fahmy, The Era of Muhammad ‘Ali Pasha, in: M. W. Daly (Hg.), The dem Prokonsul Evelyn Baring (Lord Cromer) unterzogen.116 Der Widerstand, der sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gegen das weiter gehende Öffnung zum Westen gesucht wurde. Überschuldung zum Zwecke fehlgeleiteter Entwicklungsprojekte und exzessiven Konsums europäischer Luxusgüter führte zum Staatsbankrott S. 285308. unsrigen verlangen zu wollen. Man vergleiche lieber Europas Mittelalter mit dem jetzigen Zustand Ägyptens, und dann diesen, was das Land Zivilisierungsmission und Moderne 399 Daraus folge, „daß es aus diesem Grunde der höchste Grad der Absurdität ist, fortwährend an ägyptische Egypt, Berkeley 1991. 117 Vgl. Selma Rotman, The Liberal Age 19231952, in: Daly, The Cambridge History of Egypt, Bd. 2, und nach einer nationalistischen Erhebung 1882 zur Okkupation durch Großbritannien. Danach wurde Ägypten abermals einer nunmehr kolonialen – Zivilisierungsmission unter Cambridge History of Egypt, Bd. 2: Modern Egypt, from 1517 to the End of the twentieth Century, Cambridge 1998, S. wichtigsten Grundbedingungen aller Zivilisation zuerst im heutigen Orient hervorgerufen: Ordnung, Sicherheit und das Erwachen einer höheren Industrie.“114 Nach Muhammad Alis 139179, hier S. 176 f. 116 Vgl. Roger Owen, Lord Cromer: Victorian Imperialist, Edwardian Proconsul, Oxford 2004; Timothy Mitchell, Colonising dass es so schien, als gehöre es zur Zivilisiertheit untrennbar hinzu, selbst Andere zu zivilisieren. Daher 114 Ebd., S. 139 Scheitern an inneren Widersprüchen der eigenen Reformpolitik sowie am Widerstand der Großmächte115 durchlief Ägypten eine Phase, in der eine viel Zustände den heutigen europäischen Maßstab legen und von der dortigen Bildung, Regierung wie Regierte betreffend, dieselben Resultate als von der nach den Maßstäben der Zeit relativ „aufgeklärte“ CromerRegime erhob, war dann keine nationalistische Reaktion von „nativistischem“ Zuschnitt, sondern der Versuch, |
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| gegenüber den rückständigen Provinzen am Roten Meer, im Zarenreich gegenüber Sibirien und dem Kaukasus oder gegenüber den vor allem von of the Early Modern Japanese State, in: Past and Present 142 (Februar 1994), S. 6993; Pedro Navarro Floria, Sarmiento y S. 125147. 119 Birgit Schäbler, Globale Moderne und die Geburt der Zivilisationsmission an der kulturellen Binnengrenze: Die ‚mission civilisatrice ottomane‘, dem Geiste christlicher Erneuerung und imperialen Triumphs sowie durch die liberale Zauberformel von Markt plus Recht angetrieben, sondern auch durch einen dritten Faktor, der mit den ersten beiden eng zusammenhängt: den Humanitarismus. Man muss sich zunächst vergegenwärtigen, dass zwischen dem Jürgen Osterhammel 400 entstanden im 19. Jahrhundert da und dort derivative oder sekundäre Zivilisierungsmissionen. Die ihre Länder nachholend modernisierenden Eliten la frontera sur argentina y chilena. De tema antropológico a custión social (18371856), in: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas 37 (2000), Great War and the AfroAsian Assault on the Civilizing Mission Ideology, in: Prasenjit Duara (Hg.), Decolonization: Perspectives from Now and hielten es für nötig, selbst Zivilisierungsbürden zu übernehmen, so etwa im Japan der MeijiZeit gegenüber der einheimischen AinuBevölkerung, in Ägypten Das europäische Vorbild in der Welt verlor zwar nicht völlig seine Verbindlichkeit, hatte aber doch erheblich an Glanz eingebüßt und Dynamik gewonnen und gehörten zum Methodenarsenal jedes „nationbuilding“. VI. Humanitarismus Die britische „civilizing mission“ wurde nicht nur durch Selbstermächtigung aus Then, London 2004, S. 78100 (auch in: Journal of World History 15 (2004), S. 3163). wurde in Asien und Afrika nunmehr öfter und schärfer kritisiert als zuvor.120 Die „inneren“ Zivilisierungsmissionen hatten bis dahin eine eigene meist „an kulturellen Binnengrenzen geboren“.119 Nach dem Ersten Weltkrieg wurden solche Zivilisierungskampagnen nicht länger als ein Nachahmen westlicher Vorbilder verstanden. Ureinwohnern bevölkerten Randzonen in den entstehenden lateinamerikanischen Nationalstaaten.118 Birgit Schäbler hat sogar die interessante These aufgestellt, Zivilisierungsmissionen würden oft oder außer Großbritannien willens und im Stande war, andere zu zivilisieren. 118 Vgl. David L. Howell, Ainu Ethnicity and the Boundaries Fall Napoleons und dem Beginn des sogenannten Hochimperialismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts keine der überseeischen kolonialen Großmächte Europas in: Periplus. Jahrbuch für außereuropäische Geschichte 13 (2003), S. 929, hier S. 28. 120 Vgl. Michael Adas, Contested Hegemony: The |
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| usw. Der Kern des europäischen Humanitarismus war der Kampf gegen Sklavenhandel und Sklaverei. Ganz grob lässt sich der Abolitionismus in Zivilisierungsmission und Moderne 401 Frankreich hatte sein Kolonialreich größtenteils verloren, baute sich erst seit den späten 1850er Jahren in Vietnam allmähliches Unbehagen an grausamen Praktiken des Strafvollzugs (wie der Folter und der öffentlichen Hinrichtung), das Ende blutiger Tierhatzen als Vergnügungsspektakel und Spanien zeigten außerhalb missionarischer Routine kaum zivilisierenden Ehrgeiz. Daher gab es in der gesamten kolonialen Welt der frühviktorianischen Zeit zwei nationalbetonte Strömungen einteilen. Die erste war die naturrechtlichegalitäre der französischen Spätaufklärung (Abbé Raynal, Diderot u.a.), die zu den Erklärungen Zivilisierung der kolonialen Untertanen eine größere Rolle spielte. Das Schulwesen in NiederländischOstindien wurde verhältnismäßig gut ausgebaut; rassische Hierarchisierung wurde weniger streng gehandhabt als in den asiatischen Kolonien der Briten. So Frances Gouda, Dutch Culture Overseas: Colonial Practice in the Netherlands eine staatliche Maßnahme zur brutalen Ausbeutung der bäuerlichen Produzenten, die durch keinerlei zivilisatorische Propaganda bemäntelt wurde. Noch nicht einmal die kein Gegenstück zu den britischen Versuchen, indigene (Un) Sitten und (Miss) Bräuche wie die indische Witwenverbrennung mit den Mitteln kolonialer Sklaverei in den französischen Atlantikkolonien abgebrochen. Die ehemals reichste französische Karibikbesitzung, SaintDomingue (bald darauf Haiti), stand bereits in der End 121 Die holländische Kolonialherrschaft vollzog später, zumindest in der Theorie, eine „liberale“ oder „ethische“ Wende, bei der der Wille zur später in den afrikanischen Kolonien der Europäer so gern zitierte „Erziehung zur Arbeit“ wurde in diesem Fall bemüht.121 Auch Portugal Indies 19001942, Amsterdam 1995, S. 163166, die für Java sogar von „a mestizo civilization“ spricht (S. 165). Reform zu beseitigen. Der Humanitarismus kann in einer sehr allgemeinen Weise verstanden werden als Teil eines breiten, im Okzident zum und Maßnahmen der französischen Revolutionäre gegen die Sklaverei im eigenen Kolonialreich führte. Diese Entwicklungslinie wurde brüsk durch Napoleons Restitution der Zeit danach wenig Spielraum für friedliche Zivilisierung ließen. Die Niederlande, die damals nach Großbritannien zweitwichtigste überseeische Kolonialmacht, führten nach 1830 allmählich eine neue territoriale Position auf und war ansonsten auf Algerien beschränkt, wo die harschen Umstände der Eroberung in der Durchbruch kommenden Prozesses, der seit dem späten 18. Jahrhundert eine Milderung der öffentlichen Sitten im Sinne der Aufklärung herbeiführte: ein auf Java , der kolonialpolitisch bedeutendsten Insel im indonesischen Archipel, das sogenannte Kultivierungssystem (cultuurstelsel) ein. Dabei handelte es sich um |
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| mit Wirkung von 1834 an die Sklaverei im britischen Empire (einstweilen mit der Ausnahme Indiens) für gesetzwidrig erklärt.123 Diese politischen den Sklavenhandel anderer europäischer Länder vor, ohne ihn ganz unterbinden zu können. Die britische Haltung ließ im Prinzip keine Kompromisse Strang hat eine religiöse Wurzel, die sich bis auf die Quäker in England und Nordamerika zurückverfolgen lässt. Auch wuchs, einflussreich La démence coloniale sous Napoléon: Essai, Paris 1992, S. 11. Zu Haiti jetzt: Laurent Dubois, Avengers of the New World: Temperley, The Delegalization of Slavery in British India, in: ders. (Hg.), After Slavery: Emancipation and its Discontents, London/Portland OR 2000, bezweifelt werden, dass die Sklaverei bereits seit den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts in der britischen Öffentlichkeit stigmatisiert war und Sklavenhandels im britischen Empire zum Jahre 1808 durchzusetzen. Nach einer langen neuerlichen Agitation wurde dann in einem zweiten wichtigen Schritt The Story of the Haitian Revolution, Cambridge, Mass./London 2004. 123 Über die spätere Abschaffung der Sklaverei in Indien vgl. Howard man in Großbritannien auf Frankreich oder Spanien hinab, die einstweilen Sklaverei weiter duldeten, und der Überlegenheitsanspruch des viktorianischen Großbritannien auch Jürgen Osterhammel 402 phase ihres Befreiungskampfes, als ab 1802 schrittweise in den anderen französischen Kolonien die Sklaverei wiedereingeführt wurde. Es eines noch unreformierten oligarchischen Parlamentarismus gelang es dieser Bewegung durch eine geschickte Kombination parlamentarischer und außerparlamentarischer Aktivitäten, das Verbot des eine Massenbewegung, die sich einer Mischung religiöser und utilitärer Argumente bediente. Trotz der beschränkten Repräsentation der Bevölkerung unter den Bedingungen zu, und obwohl es noch während des amerikanischen Bürgerkrieges eine erhebliche Unterstützung für die sklavenhaltenden Südstaaten gab, kann doch nicht Beschlüsse wurden im Wesentlichen auch verwirklicht. Mehr noch: die britische Kriegsmarine ging ab 1808, teilweise unter Verletzung völkerrechtlicher Empfindlichkeiten, gegen das allgemeine Meinungsklima sie als ein unerfreuliches Relikt aus einer überwundenen Phase der europäischen Vergangenheit betrachtete. Mit deutlicher Herablassung sah verstärkt durch den Nachweis von Adam Smith und anderen Theoretikern der politischen Ökonomie, dass Sklaverei wirtschaftlich irrational sei, in Großbritannien handelte sich in der Tat um nichts weniger als um eine Rückkehr zur kolonialen Barbarei des Ancien Regime.122 Der zweite S. 169187. gegenüber seinem engsten Konkurrenten Frankreich stützte sich nicht nur auf größeren materiellen Reichtum und eine überlegene Welt 122 Yves Benot, |
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| verteidigte den Gouverneur mit einer rassistischen Schmähschrift, John Stuart Mill führte die wurde durch Truppen unter dem Befehl des Gouverneus Edward Eyre rasch unterdrückt. Während der „Pazifizierung“ der Insel wurden in einer zu einem neuen Kolonialismus des reinen Gewissens befugt zu sein. Die Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei wurde als ein reinigender haben. Dies war kollektivpsychologisch von großer Bedeutung. Wer die finsterste europäische Schattenseite des alten Kolonialsystems überwunden hatte, der schien nun wochenlangen Schreckensherrschaft etwa 500 Schwarze getötet, eine noch größere Zahl öffentlich ausgepeitscht und auf andere Weise gefoltert; tausend Häuser wurden niedergebrannt. Um die Unterdrückung des Aufstandes entspann sich ein öffentlicher Streit in Großbritannien, der fast drei Jahre lang andauerte. Es auf der Insel vor der Massakrierung bewahrt habe oder ob er ein inkompetenter und pflichtvergessener Mörder sei. Kaum eine andere zu nehmen. Dies betraf, wie gesagt, nicht nur die befreiten ExSklaven und die sonstigen Untertanen in den eigenen Kolonialgebieten, sondern so wurden sie niemals ganz zum Schweigen gebracht. Der Kampf weniger gegen Kolonialismus an sich als gegen koloniale „Exzesse“ war deren Tragweite nicht überschätzen sollte. Ein anderes internationales Verbrechen, der Opiumhandel mit China, bewog die britische politische Klasse trotz andauernder Debatte hat die viktorianische Öffentlichkeit jemals so tief erregt und gespalten. Die prominentesten Namen des Landes bezogen Stellung. Thomas Carlyle ist die sogenannte „Governor Eyre Controversy“. Im Oktober 1865 hatten sich in der Kolonie Jamaika schwarze Bauern erhoben. Der Aufstand auch die meisten anderen europäischen Mächte. Großbritannien betrieb als Staat mithin so etwas wie eine frühe Menschenrechtspolitik, auch wenn man Akt der Selbstzivilisierung interpretiert. Zugleich ließ sich daraus die Befähigung, sogar der Auftrag ableiten, die Zivilisierung Anderer in die Hand daher eine wichtige Form der britischen Zivilisierungsmission im 19. Jahrhundert. Zwei Episoden aus dieser Geschichte sollen herausgehoben werden. Das erste kritischer Begleitstimmen niemals zu einem ähnlich energischen Eingreifen. Als Erbe des erfolgreichen Abolitionismus blieb aber eine humanitäre Sensibilität in der Zivilisierungsmission und Moderne 403 machtrolle, sondern auch auf die Tatsache, als erstes Land die sklavenhaltende frühe Neuzeit Europas überwunden zu ging darum, ob Gouverneur Eyre als ein Held gefeiert werden sollte, der Jamaika für die Krone gerettet und die Weißen britischen Öffentlichkeit erhalten. Auch wenn humanitäre Argumente innerhalb einer breiter angelegten Kritik an Kolonialismus und Imperialismus nur eine Strömung ausmachten, |
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| sondern als eine Art von Privatkolonie des Monarchen gedacht war. Leopold hatte diesen Coup mit großem propagandistischen Geschick durch die den kommenden Jahren ausnahmslos durch genaue Recherche anderer bestätigt wurde. Williams prangerte zahlreiche humanitäre Missstände an und bezweifelte zugleich die unerschlossenen Kongogebiet zu garantieren, weiterhin die Erforschung der Region zu fördern und einen Beitrag zur Zivilisierung der Einheimischen zu leisten. Offenen Brief an den König der Belgier, in dem er detailliert an den Verhältnissen im KongoFreistaat Kritik übte, die in den Großmächten die persönliche Kontrolle über einen riesigen „Congo Free State“ bestätigen lassen, der nicht als Besitz des Staates Belgien, Auf dem Kongress zu Berlin nahm niemand das leopoldinische Projekt so recht ernst. Leopold versprach, den Freihandel im noch vollkommen Civilising Subjects: Metropole and Colony in the English Imagination 18301867, Cambridge 2002, S. 2327 und passim. Eine eigenwillige Interpretation bei Standardwerk bleibt Bernard Semmel, Jamaican Blood and Victorian Conscience: The Governor Eyre Controversy, Westport CT 1962; vgl. auch Catherine Hall, den Kongo zu bestellen.125 Dann verschwand die Sache aus dem Lichtkegel des internationalen Interesses. Im Juli 1890 schrieb der schwarze eine internationale Dimension. Auf der von Bismarck für 1884 einberufenen Berliner WestafrikaKonferenz hatte sich König Leopold II. von Belgien von Sieg der Liberalen, doch Edward Eyre wurde nicht bestraft, sondern nur aus dem Kolonialdienst entlassen; schließlich bekam er sogar, wenn amerikanische Jurist und Baptistenprediger George Washington Williams aus dem Kongo, wo er sich zu einem mehrwöchigen Besuch aufgehalten hatte, einen Africa: The Berlin Africa Conference 18841885 and the Onset of Partition, Oxford 1988, S. 229244. auch widerwillig, per Parlamentsbeschluss eine Pension zugesprochen.124 Blieb der Streit um Eyre ein innerbritische Angelegenheit, so hatte die zweite Affäre Gründung eines Comité d’Études du HautCongo vorbereitet und sich dabei etwa der Dienste des bekannten Afrikareisenden Henry Morton Stanley versichert. Man gab König Leopold die erwünschten Zusicherungen, ohne ihn allerdings, wie er das dann bald behauptete, zum „Treuhänder Europas“ über 2001. 125 Jean Stengers, Leopold II and the „Association Internationale du Congo“, in: Stig Förster u.a. (Hg.), Bismarck, Europe and Rechtlichkeit des belgischen Vorgehens. Er war der erste, der auf die katastrophalen Arbeitsverhältnisse in der Kolonie, die Vernachlässigung 124 Das Jürgen Osterhammel 404 Partei der liberalen Gegner an, die auf eine strenge Bestrafung hinarbeitete. Die Sache endete atmosphärisch mit einem David M. Levy, How the Dismal Science Got Its Name: Classical Economics and the Urtext of Racial Politics, Ann Arbor |
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| sich nicht aktiv an der Kampagne gegen Leopold, formulierte aber in einem zur Veröffentlichung bestimmten Brief vom Dezember 1903 an New York 2002, S. 1938. wurde zu einer Kampagne gebündelt, als 1904 der englische Journalist E. D. Morel eine Congo Reform Association gründete. Aus der Foreign Office rührt sich nicht. Erst der 1906 ins Amt gekommene liberale Außenminister Sir Edward Grey empfand das Problem als Gil Gott, Imperial Humanitarianism: History of an Arrested Dialectic, in: Berta Esperanza / HernándezTruyol (Hg.), Moral Imperialism: A Critical Anthology, Jules Marchal, E. D. Morel contre Léopold II: l’histoire du Congo 19001910, 2 Bde., Paris 1996, hier Bd. 2, S. Stoff später in seiner berühmten Erzählung Heart of Darkness (1900) gestalten würde. Seit 1891 folgte ein Bericht über die skandalösen Rolf Italiaander (Hg.), König Leopolds Kongo. Dokumente und Pamphlete von Mark Twain, Edmund D. Morel, Roger Casement, München 1964. 128 von Williams zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangten: der junge britische Konsul Roger Casement und der anglopolnische Schriftsteller Joseph Conrad, der den / Jean Stengers, E. D. Morel’s History of the Congo Reform Movement, Oxford 1968, S. 7174. Nicht viel Neues in so lästig für seine Außenpolitik, dass er der privaten Empörung über die KongoGräuel offiziellen Nachdruck verlieh. Er arbeitete auf eine die von irischen Nationalisten bis zu englischen Tories reichte.127 Es handelte sich um eine rein private Organisation, die vor allem Zivilisierungsmission und Moderne 405 eines Minimums an Fürsorgepflicht und die effektive Duldung bzw. Wiedereinführung des Sklavenhandels aufmerksam machte.126 Williams’ leidenschaftliche Sir Roger Casement die Grundposition der Kritiker. Der entscheidende Punkt für ihn war, dass 126 John Hope Franklin, George Washington in den USA viel Unterstützung fand, besonders nachdrücklich bei Mark Twain.128 Es blieb zunächst bei einer privaten Initiative. Das Londoner Anklage fand rasch Beachtung. Im gleichen Jahr 1890 hielten sich zwei andere Beobachter in der gleichen Gegend auf, die unabhängig internationale Lösung hin, die schließlich 1908 erreicht wurde: die Annexion der königlichen Privatkolonie durch den belgischen Staat.129 Joseph Conrad beteiligte Williams: A Biography, Chicago/London 1985, S. 202 f., 216, Text des Briefes: 247254. 127 Dazu immer noch Wm. Roger Louis Tradition des englischen Humanitarismus heraus schuf Morel innerhalb kurzer Zeit mit sehr begrenzen finanziellen Mitteln eine breite Koalition gegen Leopold, 131134. 129 Zur Rolle der britischen Politik vor allem Marchal, E. D. Morel, Bd. 2, S. 197 ff.; vgl. auch Verhältnisse im Kongo auf den anderen. Viele Missionare äußerten sich kritisch, ab 1896 erhielten britische Konsuln offizielle Untersuchungsaufträge. Die Kritik Martin Ewans, European Atrocity, African Catastrophe: Leopold II, the Congo Free State and its Aftermath, London 2002. Wichtige Quellen in |
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| der öffentlichen Moral und diskreditierten dabei zugleich die rassistischen Auffassungen von Gouverneur Eyres Fürsprechern und die Heuchelei von Leopold II., New Haven/London 1976, S. 55. Zu Conrads (mutmaßlichen) Motiven, sich nicht aktiver an der Kampagne zu beteiligen, vgl. Hunt Hawkins, reagierten auf die Tatsache, dass der allgemeine Fortschrittsprozess sowie die Kolonialpolitik des zeitgenössischen Europa keine Garantie gegen die Rückkehr einer Selbstreflexion. Der Erste Humanitarismus des klassischen Abolitionismus und der Zweite Humanitarismus des Kampfes für eine „zivilisierte“ Kolonialherrschaft sind noch auf eine andere Weise miteinander verbunden. Als Europäer nähere Bekanntschaft mit dem subsaharischen Afrika machten, fanden sie dort Sklaverei in den dem da und dort immer noch andauernden transatlantischen Sklavenhandel zusammenhingen, den Handel von Arabern mit schwarzen Sklaven, die im orientalischen der seine blutigen Geschäfte mit Zivilisierungsrhetorik verschleiern ließ. In beiden Fällen handelte es sich gewissermaßen um Zivilisierungsmissionen zweiten Grades. Sie überwunden geglaubten Barbarei boten. Beide Episoden zeigten, wie brüchig naive Zivilisierungshoffnungen sein mussten. Die europäische Zivilisierungsmission bedurfte einer unentwegt kritischen Jürgen Osterhammel 406 das leopoldinische Regime sich mit den administrativen Mitteln eines QuasiStaates gegenüber der einheimischen Bevölkerung systematische Grausamkeit zuschulden Controversy und der KongoAgitation, stellten sich Privatleute gegen Vertreter der staatlichen Autorität, die ihre Ämter missbraucht hatten. Die effektivsten Kritiker Joseph Conrad, Roger Casement, and the Congo Reform Movement, in: Journal of Modern Literature 9 (1981/82), S. 6580, hier S. verschiedensten Formen vor: Sklaverei als soziale Institution in Gesellschaften, die mit Europa noch keine Berührung gehabt hatten, Sklavereiformen, die mit Imperial and Commonwealth History 29 (2001), S. 5974. Niger in den Jahren 184142 war 130 Conrad an Casement, 21.12.1903, zit. Benjamin L. Reid, The Lives of Roger Casement, ernst nahmen, dass Beziehungen zwischen Kolonisierern und Kolonisierten durch Zivilität bestimmt sein sollten. Sie führen Kampagnen zum Zwecke der Zivilisierung waren Leute wie John Stuart Mill und E. D. Morel, die keine grundsätzlichen Gegner jeglicher Kolonialherrschaft waren, aber den Gedanken 65 f. u. 75 ff.; Vgl. auch Andrew Porter, Sir Roger Casement and the International Humanitarian Movement, in: Journal of Bereich Abnehmer fanden, Sklaven unter der niederländisch„burischen“ Bevölkerung am Kap der Guten Hoffnung usw. Seit Thomas Fowell Buxtons Expedition zum kommen ließ – „seventyfive years of so after the abolition of the slave trade“.130 In beiden Fällen, der Governor Eyre |
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| Mit ihrer Abschaffung in Brasilien 1888 verschwand sie auch vom amerikanischen Kontinent, wenngleich Surrogatformen von Sklaverei weiter existierten. Die Abwesenheit genommen. Aus einem heuchlerisch vorgeschobenen Grund für einen Akt der Aggression mochte später durchaus ein ernsthaftes Vorgehen gegen die Sklaverei auch in Südostasien nur langsam und vorsichtig gegen die Sklaverei vorgegangen und hielten die Grenzen zur Zwangsarbeit hin offen. Die Intervention zur Verhinderung von 131 Howard Temperley, White Dreams, Black Africa: The Antislavery Expedition to the River Niger 18411842, New Haven/London 1991, S. 1. 132 Vgl. im Überblick zur Abschaffung der Sklaverei: Robin Blackburn, The Overthrow of Colonial Slavery 17761848, Sklaverei in Afrika marginalisiert. Dies war nicht ein einfacher Sieg von hehren Prinzipien des Humanitarismus. Überall mussten aus der Sicht Modern European Expansion and Traditional Servitude in Africa and Asia, in: ders. (Hg.), Breaking the Chains, S. 336, hier S. Afrikas voranzutreiben; nicht zufällig trug die Gruppe, die Buxton unterstützte, den Namen African Civilization Society.131 Später, zur Zeit der hochimperialistischen werden. In anderen Fällen änderten die Kolonialherren erst einmal gar nichts und bedienten sich weiterhin alter und neuer Formen von Tatsache umzugehen, dass jedes Kolonialregime in großer Zahl Arbeitkräfte zu rekrutieren hatte. Bis 1946 griffen die Franzosen in Afrika auf von Sklaverei wird deshalb seither als Minimalbedingung eines zivilisierten Gemeinschaftslebens betrachtet, der Kampf gegen die Sklaverei – neben der „humanitären“ Landnahme und „Aufteilung“ des Kontinents, wurde immer wieder der Kampf gegen die Sklaverei als Motiv und Vorwand für zivilisierende Intervention Zwangsarbeit zurück, die Portugiesen taten es bis in die 1990er Jahre hinein.133 Insgesamt sind die europäischen Kolonialmächte in Afrika wie Stein des Anstoßes und Hindernis für jede Form von Zivilisierungsmission.132 Spätestens bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die europäischen Kolonialmächte die kolonialer Administrationen praktische Probleme gelöst werden. Es war eine Sache, das Ende der Sklaverei zu proklamieren, eine andere, mit der Sklaverei war als Folge des frühen Abolitionismus in Europa so gründlich delegitimiert worden wie kaum jemals eine andere soziale Institution. London 1988; Martin A. Klein (Hg.), Breaking the Chains: Slavery, Bondage and Emancipation in Modern Africa and Asia, Madison WI Zwangsarbeit zu ihrem eigenen Interesse. Es hielt sich aber ein allgemeines Unbehagen an der Fortdauer solcher Institutionen. Sklaverei blieb ein 24. 1993; Suzanne Miers / Richard L. Roberts (Hg.), The End of Slavery in Africa, ebd. 1988. 133 Martin Klein, Introduction: Zivilisierungsmission und Moderne 407 es eine Idee von Abolitionisten gewesen, den Kampf gegen die Sklaverei zu deren Quellen im Inneren |
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| Viele Geschichten kolonialer Beziehungen beginnen bereits mit einer Aporie: Die Umstände der Eroberung waren vielfach so brutal und traumatisierend, dass breite Themenpanorama in Harald FischerTiné / Michael Mann (Hg.), Colonialism as Civilizing Mission: Cultural Ideology in British India, London 2004. Theorie und Praxis – und die Diskrepanz zwischen ihnen – der Zivilisierungsmission in den europäischen Kolonien.135 Hier ist das Spektrum 4, Indianapolis 1984, S. 311. more dangerous.“ David Hume, The History of England from the Invasion of Julius Caesar to the Revolution of 1688, Bd. schließlich wie ein solcher.136 Dieser Mechanismus einer selbst erfüllenden Prophezeihung kommt um so deutlicher zum Tragen, je geringer die „objektiven“ im Bedeutungsfeld von „Zivilsierungsmission“ liegt die rechtlich geregelte Bekämpfung internationaler Kriminalität, etwa der Piraterie. 135 Vgl. jetzt vor allem das historischer Erfahrung so breit, dass allgemeine Schlussfolgerungen in die Nähe des Banalen gerieten. Deshalb seien nur einige ergänzende Aspekte angesprochen. Kulturauftrags hätte diesen sollen. Es scheint dann nötig zu werden, den „Wilden“ ihre Lebensgrundlagen und Teil ihrer kulturellen Identität gewaltsam VII. Dimensionen kolonialer Zivilisierung Kein Aspekt des Themas ist naheliegender und ist häufiger behandelt worden (auch in diesem Buch) als zu rauben, um sie danach zivilisieren zu können. Auch eine Art von rabiater Pädagogik konnte sich hinter einer 134 Nicht angebliche Notwendigkeit einer Zivilisierungsmission nach sich zog. Wer immer wieder wie ein Wilder behandelt wird, sagt David Hume, benimmt sich 136 Über die Folgen der harschen Behandlung der Iren durch die Engländer um 1600: „Being treated like wild beasts, they became such; and joining the ardor of revenge to their yet untamed barbarity, they grew every day more intractable and und bildbaren Potential. Was aber, wenn sie genau dieses Potential, vor allem ihre militärische Intelligenz, gegen ihn selbst richten? Immer Jürgen Osterhammel 408 Völkermord – als die einzige selbst für entschiedene Gegner von Kolonialismus und Imperialismus akzeptable Art von Zivilisierungsmission.134 wieder wird der koloniale Aggressor dann in die Situation gebracht, genau das zu zerstören, was ihm als Grundlage seines konstruktiven Unterschiede zwischen Angreifern und Angegriffenen sind. Der Vertreter einer klassischen idealistischen Zivilisierungsmission betrachtet seine Gegenüber als Menschen mit einem entwicklungsfähigem die „Wilden“ oft erst dadurch in einen Zustand gerieten, der sie als „wild“ erscheinen ließ und der dann wiederum die |
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| „Orientalisten“ und die der missionarischen „Anglisierer“.139 Almut Steinbach wirft in diesem Band von der Sprachenproblematik aus einen Blick auf diese Lager wiederum standen sich energische Modernisierer, die von der Gültigkeit universaler Normen des Fortschritts und der Humanität überzeugt waren, und eines besonderen Konzepts von Zivilisierungsmissionen geboten wäre, den Interessen der Kolonialherren widerspricht? Was tun, wenn von einer langfristig vermutlich wohltätigen erfreut waren, endlich bei ihrem Kampf gegen die eine verwerfliche Praxis die Staatsmacht auf ihrer Seite zu finden. Im britischen Meaning of Civilization, Cambridge, Mass. 1980, S. 108 f. 138 Jörg Fisch, Tödliche Rituale. Die indische Witwenverbrennung und andere Formen zivilisierenden Politik kurzfristig politische Destabilisierung ohne ökonomischen Gewinn zu 137 Vgl. dazu Thomas Walter Herbert, Marquesan Encounters: Melville and the S. 109134. 139 Lynn Zastoupil / Martin Moir (Hg.), The Great Indian Education Debate: Documents Relating to the OrientalistAnglicist Controversy diejenigen Burkeaner und Romantiker gegenüber, die keinerlei Berechtigung dafür erkennen konnten, in gewachsene und durch Tradition geheiligte Bräuche einzugreifen.138 Bei in Gang, die, in Unkenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge, viel schwieriger prognostizierbar sind als in europäischen Kontexten. Solches Handeln zwingt zu der berühmten Frage, welche Art von Bildung den Indern zugemutet werden könne, stritten sich gleichzeitig ähnliche Parteien: die der bewahrenden Kontroverse. Hinter ihr verbirgt sich ein Widerspruch zwischen prinzipiellen und funktionalistischen Argumentationen: Was tun, wenn das, was nach den Grundsätzen Zivilisierungsmission und Moderne 409 solchen Denkweise verbergen: Die Unzivilisierten mussten hart angepackt werden, um sie zu assimilatorischen Höchstleistungen anzuspornen.137 Ist der „indirect rule“, zur Anwendung kommen, das Dilemma des Eingreifens. Jede reformerisch gemeinte Intervention in einheimische gesellschaftliche Verkehrsweisen setzt Wirkungen 17811843, Richmond 1999. Stellungnahmen. Es polarisiert die einheimische Gesellschaft und oft auch die Gruppe der Kolonisierer. Beim Verbot des sati, der indischen Witwenverbrennung, nach der Eroberung eine koloniale Situation geschaffen, dann stellt sich oft noch bevor große Theorien der Assimilation oder ihres Gegenteils, der Totenfolge, Frankfurt a.M./New York 1998, S. 346457, bes. S. 409412 zur indischen Opposition gegen die Witwenverbrennung; ders., Humanitarian Achievement or Administrative Necessity? Lord William Bentinck and the Abolition of Sati in 1829, in: Journal of Asian History 34 (2000), bildeten sich transkulturelle Allianzen. Es gab auf der indischen Seite Konservative, die den Brauch zäh verteidigten, ebenso wie Reformer, die |
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| wer soll zivilisiert und europäisiert werden: wenige herausragende Einzelpersönlichkeiten, größere Teile der gesellschaftlichen Führungsschicht (wobei die Zivilisierungsmission solche Führungsschichten neu auf die Wirkung einer solch widersprüchlichen Gestalt wie David Livingstone, der den einen als „icon of imperialism“, den anderen als 140 Vgl. das Spektrum der Möglichkeiten bei Lauren Benton, Law and Colonial Cultures: Legal Regimes in World History 14001900, Cambridge der Kolonialherren, der demographischen Dichte, dem ökonomischen Typus der Kolonialherrschaft, der Art einheimischer gesellschaftlicher Hierarchien und politischer Legitimationsvorstellungen, dem Kräfteverhältnis nicht mit der einseitigen These zufrieden geben, Missionare seien nichts als Handlanger imperialistischer Politik gewesen. Schon ein etwas genauerer Blick Jürgen Osterhammel 410 erwarten ist? Verhindert „indirect rule“, also die Verwaltung der Einheimischen durch Vermittlung traditionaler oder neu geschaffener neotraditionaler kann? Ist daher „indirect rule“ möglicherweise ein moralisch überlegener Standpunkt des „sanften“ Kolonialismus oder nur eine Fassade kostengünstiger Pseudokontrolle ohne Gesellschaften eingreift,140 und die Religion. Mit Religion sind die Missionare angesprochen, ein seit langer Zeit beliebtes, weil reich durch schriftliche zum Mutterland, also vor allem die Garantie von Siedlerbesitz. Vgl. etwa, Grundfragen herausarbeitend, Peter J. Marshall, Parliament and Property Rights Quellen dokumentiertes Gebiet der historischen Forschung. Man wird heute keine ganz unpolitische Geschichte der christlichen Mission schreiben, sich aber auch in the Late EighteenthCentury British Empire, in: John Brewer / Susan Staves (Hg.), Early Modern Conceptions of Property, London/New York zwischen zivilen und militärischen Vertretern des kolonialen Staates, Siedlern und Missionaren usw. Wichtige Vehikel von Zivilisierungsmissionen sind das Recht, das sowohl aktiv ausgrenzend und unterdrückend als auch pluralistisch inklusiv eingesetzt werden kann, und das vor allem über Eigentumsbegriffe tief in jede Verantwortlichkeit der Kolonisatoren, die die einfache Kolonialbevölkerung im Zustande der Ignoranz und in den Fängen parasitärer Lokaltyrannen lassen? Und 1995, S. 530544. Lösungsangebote machen die immense Spannweite der Kolonialgeschichte aus. Die Antworten unterschieden sich nach Zeit und Raum, nach dem nationalen Kolonisierungsstil Autoritäten, eine wirkungsvolle Zivilisierungsmission, oder schützt sie im Gegenteil vor einer überhasteten Scheinzivilisierung, die nicht im Interesse der Betroffenen liegen bilden kann) oder die „breite“ Masse? Unzählige Fragen ähnlicher Art stellten sich in der Geschichte der europäischen Welteroberung, und die 2002. Eigentum im Kolonialrecht betrifft nicht nur die Ansprüche der einheimischen Ureinwohner, sondern auch die von Kolonisten in ihrem Verhältnis |
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| mondialisation, Paris 2002, S. 237256. Einen Eindruck vom theoretischen Potential des Themas vermittelt Lynn Zastoupil, Englische Erziehung und indische Modernität, erzielen. Auf der anderen Seite gab es viele Missionare, die möglicherweise „objektiv“ etwas ganz anderes bewirkten, als sie erreichen wollten, „mise en profit“ ausgerichtete Kolo 141 Andrew C. Ross,. David Livingstone: Mission and Empire, London 2002, S. 239. 142 Vgl. musealen Erfassung einer fremden Zivilisation. Wissenschaft konnte unmittelbar in den Dienst kolonialer Herrschaftsinteressen gestellt werden, so etwa eine auf die betrachtet, existierte gerade im 19. Jahrhundert neben einem, das in Zivilisierung die Voraussetzung für heilsgeschichtliche Erfüllung sah. Ließen sich solche von Chinesen mit den wissenschaftlichen Errungenschaften der modernen Welt (des Westen wie Chinas) bekannt machten, ohne bedeutende spirituelle Erfolge zu die aber weltliche Zivilisierung ganz in den Dienst des Heilsgeschehens stellten. Ein Weltund Geschichtsbild, das Zivilisierung als Aneignung moderner Kulturtechniken Andrew Porter, Religion versus Empire? British Protestant Missionaries and Overseas Expansion, 1700 1914, Manchester/New York 2004, S. 92 ff. 143 Überzeugungen praktisch wie grundsätzlich miteinander in Verbindung bringen? Missionare jedenfalls diskutierten immer wieder über den Primat von Christianisierung oder weltlicher an die großen amerikanischen Missionsuniversitäten im China des frühen 20. Jahrhunderts, die auf höchstem akademischen Niveau ein oder zwei Generationen Wort aber zur Wissenschaft. Hier haben wir es wieder mit einem breiten Spektrum zu tun: von einem völlig wissenschaftsfernen Vordringen in fremde Welten über Versuche, die Ausbeutung kolonialer Territorien wissenschaftlich zu optimieren, bis zu dem totalisierenden napoleonischen Projekt einer geradezu Missionsgeschichte zu schreiben, die den „faith missions“ nicht gerecht werden könne. Der elementare christliche Berufungsglaube vieler Missionare muss, so argumentiert Zivilisierungsmission und Moderne 411 „patron saint of African nationalism“ gilt,141 zeigt das Ungenügende solchen Verallgemeinerungen. Zahlreiche Studien über verschiedene Teile in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 532. „Verbesserung“.142 Das Problem kolonialer Erziehung und ihrer Wirkungen ist so umfassend, dass es hier ganz außer Acht bleiben soll.143 Ein Porter, ernst genommen werden. In vielen Fällen sahen sich Missionare als Agenten einer innerweltlichen Verbesserungen der Lebensverhältnisse. Man denke hier der Welt haben hier zu einem wesentlich differenzierteren Bild beigetragen. Andrew Porter warnt in seinem Kapitel davor, eine theologieund glaubensfreie Eine vorzügliche Übersicht über Erziehun g in der späten Kolonialzeit gibt Jaques Frémeaux, Les empires coloniaux dans le processus de |
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| Jürgen Osterhammel 412 nialgeographie und Kolonialökonomie oder die agrarsoziologische Forschung, die die Japaner während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Nordchina der Schluss ziehen, dass diese Disziplinen nicht sehr viel wirklich verwertbares Herrschaftswissen lieferten und dass sie dazu beitrugen, die Legitimation Zeiten nicht gekannt hatten.147 Auf der anderen Seite war die Ethnologie, sobald sie einmal über einen abstrakten Evolutionismus hinausgekommen war, ff. 146 Emmanuelle Sibeud, Une science impériale pour l'Afrique? La construction des savoirs africanistes en France 18781930, Paris 2002, S. eine strukturell „romantische“ Wissenschaft, die den Eigensinn und die Traditionalität von Kulturen betonte und verteidigte und von dort aus zu sich die Ethnologie in Frankreich wie in Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel weniger an eine physische Rassenanthropologie als kulturrelavistischen Konsequenzen gelangte.148 Diese tendenziell konservierende und antimodernistische Haltung, die sie durchaus mit manchen Kolonialfunktionären teilte, machte die Ethnologie zu 1920er Jahren diskreditiert, bevor ihm im folgenden Jahrzehnt auch die Biologie den Boden entzog.145 Dies hing auch damit zusammen, dass an die Soziologie Durkheimscher Prägung anlehnte.146 Nirgendwo fand die Ethnologie besonders viel Unterstützung bei metropolitanen Regierungen und kolonialen Autoritäten am Ort. Als Fach hat sie insgesamt davon profitiert, dass Kolonialherrschaft ihr Rahmenbedingungen für Feldforschungen schuf, wie sie die Reisenden vorkolonialer Concepts of Race in Britain and the United States between the World Wars, Cambridge 1991, S. 65, 132 f., 137 Leiden 2001, S. 143 f. kolonialer Herrschaftsansprüche durch rassentheoretische Argumente in Misskredit zu bringen. Ein wissenschaftliche Autorität beanspruchender Rassismus war im Grunde spätestens in den der Fall. Vgl. Marten Kuitenbrouwer, Tussen oriëntalisme en wetenschap: Het Koninklijk Instituut voor Taal, Landen Volkenkunde in historisch verband 18512001, trieben.144 Wissenschaft konnte aber auch die Kritik am Kolonialismus untermauern und fadenscheinige Programme der Zivilisierungsmission bloßstellen. Aus einer langen Debatte 245. 147 Ebd., S. 180 ff. 148 Dies war etwa auch in der international gewichtigen niederländischen Ethnologie zwischen den Weltkriegen unter Ethnologen und Anthropologen über die Stellung ihres Faches zum Kolonialismus lässt sich für Großbritannien, Frankreich und die USA vermutlich Erschließung Afrikas 1880 bis 1960, Paderborn 2004, S. 94 ff. 145 Vgl. Elazar Barkan, The Retreat of Scientific Racism: Changing einer grundsätzlich zivilisierungsskeptischen Wissenschaft. 144 Zur deutschen „Geographie der Erschließung“ vgl. Dirk van Laak, Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine |
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| in den 1920er und 1930er Jahren bedeutete amerikanische Expansion primär „business expansion“.150 Der Export des amerikanischen Trau 149 Maryinez Lyons, Nordamerikanisierung und soziokultureller Wandel in Chile (18981990), Köln 2004. angenehmes – das heißt: friedliches, gesundes, dem Luxuskonsum förderliches – Umfeld für die Kolonisatoren zu schaffen, steht außer Frage. Dies erfassen und in selbständige Nationalstaaten hineinwirken. Bei USamerikanischen Zivilisierungsmissionen, wie Corinne A. Pernet sie in diesem Band vorstellt, war dies Menschen der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen waren und britische Ärzte diese Krankheit erstmals für epidemisch erklärt hatten.149 VIII. Grenzen der Zivilisierungsmission Zivilisierungsmission ist nicht deckungsgleich mit dem europäischnordamerikanischen Imperialismus und Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gab nichtokzidentale Zivilisierungsmissionen gilt in hohem Maße für das koloniale Medizinalund Hygienewesen. Immerhin entfaltete die Tropenmedizin bald eine Art von disziplinärer Eigendynamik. Die Sleeping Sickness, Colonial Medicine and Imperialism: Some Connections in the Belgian Congo, in: Roy MacLeod / Milton Lewis (Hg.), Disease, Fachleute darüber, wie unmittelbar instrumentell diese Wissenschaft im Dienste kolonialer Interessen stand. Dass Zivilisierungsmissionen aller Art die Aufgabe hatten, ein 242, 247. 150 Alfred E. Eckes / Thomas W. Zeiler, Globalization and the American Century, Cambridge 2003, bes. S. 5980. ansteckende Natur zahlreicher tropischer Krankheiten brachte es mit sich, dass sogar sonst nachlässige Kolonialregierungen auf Initiativen ihrer Nachbarn reagierten. So besonders oft der Fall. An ihnen waren nichtstaatliche Träger in ungewöhnlich hohem Maße beteiligt. Seit der Jahrhundertwende und ganz besonders Zivilisierungsmission und Moderne 413 Ganz anders und damit kaum vergleichbar war die Rolle der Kolonialmedizin. Auch hier streiten sich die Zum Verhältnis privatwirtschaftlicher zu anderen Aspekten von „Nordamerikanisierung“ vgl. jetzt die facettenreiche Studie von Stefan Rinke, Begegnungen mit dem Yankee. wurde ein medizinischer Dienst im belgischen Kongo überhaupt erst aufgebaut, nachdem zwischen 1900 und 1905 im britischen Uganda eine Viertelmillion Medicine, and Empire: Perspectives on Western Medicine and the Experience of European Expansion, London/New York 1988, S. 242256, hier S. wie die von Japanern, Chinesen und Osmanen. Zivilisierungsmissionen konnten in ihrer Reichweite über die Grenzen kolonialer Herrschaftsausübung hinausgehen, „informal empires“ |
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| S. 190. 154 Vgl. See Heng Teow, Japan’s Cultural Policy toward China 19181931, Cambridge, Mass./London 1999. 155 Zur französischen Idee fremden, gemeinhin als unterlegen beurteilten Kulturen assimilierten. Ein kollektiver Exodus von Europäern aus okzidentalen Lebensumständen geschah sehr selten, aber man nichts anderes übrig als solche Kulturpropaganda. Im noch nicht militärisch unterworfenen China der 1920er und 1930er Jahre versuchte Japan – kennt eine ganze Reihe von Fällen, in denen Europäer (oder auch Nordamerikaner im Verhältnis zu den Indianern jenseits der „frontier“) von einer „moralischen Eroberung“ außerhalb der eigenen Kolonien.153 Nach dem Verlust des Kolonialreichs im Ersten Weltkrieg blieb den Deutschen einstweilen S. 31 ff.; Frank Costigliola, Awkward Dominion: American Political, Economic, and Cultural Relations with Europe 19191933, Ithaca NY 1984. 152 Jürgen Osterhammel 414 mes lag in den Händen von Geschäftsleuten und Missionaren.151 Ein anderer Fall von transimperialer Zivilisierungsmission ist die ausgegeben wurde, dann hatte dies nicht überall die gleichen praktischen Konsequenzen und manchmal gar keine.155 Wo lagen, allgemein gesprochen, die zu kulturellen Überläufern wurden und 151 Emily S. Rosenberg, Spreading the American Dream: American Economic and Cultural Expansion 18901945, New Grenzen von Zivilisierungsmissionen? Die extremste Grenze befand sich dort, wo sich die Richtung der Zivilisierung gleichsam umkehrte und Europäer sich in French Colonial Theory 18901914, New York/London 1961, bes. S. 3358. Lewis Pyenson, Civilizing Mission: Exact Sciences and French Overseas Expansion, 18301940, Baltimore/London 1993, S. 337. 153 Van Laak, Imperiale Infrastruktur, im scharfen Wettbewerb vor allem mit den USA – den Chinesen das eigene Kulturmodell (von dessen Überlegenheit auch gegenüber der der Briten und Franzosen fehlte es ohnehin an einer strategischen Einheitlichkeit kolonialer Politik. Wenn zum Beispiel die Parole der „Assimilation“ in Lateinamerika sah man das Französische als ein politisch zu pflegendes Instrument kultureller Hegemonie.152 In Deutschland schwärmte Paul Rohrbach 1902 westlichen Komkurrenz man überzeugt war) nahezubringen.154 Europäische Kolonialherrschaft war keineswegs mit Zivilisierungmission identisch. Innerhalb der großen, zahlreiche Kulturgebiete umfassenden Imperien York 1982; dies., Financial Missionaries to the World: The Politics and Culture of Dollar Diplomacy 19001930, Cambridge, Mass./London 1999, bes. der Assimilation (in die Beobachtungen an den niederländischen und britischen Kolonien einflossen) bleibt unübertroffen Raymond F. Betts, Assimilation and Association früh beginnende und bis heute anhaltende Sorge des französischen Staates um die Verbreitung der französischen Sprache in Übersee. Vor allem |
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| unbedingt bedeuten, dass sich eine vollkommene Harmonie zwischen Zivilisierern und erfolgreich Zivilisierten einstellte. Ein Beispiel wäre Indien. An der in ohne dass die eine die andere Seite einem Programm der Entbarbarisierung unterzieht. In solchen ausbalancierten Konstellationen wurden Zivilisierungsmissionen allenfalls als William Dalrymple, White Mughals, New York 2003; Ben Macintyre, Josiah the Great: The True Story of the Man Who Would sich aber diese anglisierte Bildungsschicht zur Aufgabe gemacht, die britische Herrschaft in Indien zu beenden. In diesem Fall endete die es im frühen 20. Jahrhundert nichts mehr zu zivilisieren. Die Zeiten, in denen man sich über „verweichlichte“ Bengalis und ihre, die politische Führung keine Zivilisierungsaufgaben übertrug.158 Zivilisierungsmission erübrigt sich auch dann, wenn sie ihr Ziel erreicht hat. Dies musste nicht hohem Maße anglisierten indischen Bildungselite, die ein perfektes Englisch schrieb, und aus der heraus naturwissenschaftliche und literarische Nobelpreise entstanden, gab Zivilisierungsmission längst vor dem Ausklang der Kolonialzeit, und auch die 156 Das Material dazu ist meist anekdotischer Natur, vgl. etwa zuweilen gefördert durch Zwangslagen (etwa die Kriegsgefangenschaft), die keine Alternative erlaubten, jedoch keine Zivilisierungsmission der anderen Seite. Auch die Anerkennung Be King, New York 2004. 157 Vgl. für Japan John W. Dower, Embracing Defeat: Japan in the Wake of World nach 1945 als „Rezivilisierung“ interpretiert. 158 Vgl. C. T. Sandars, America’s Overseas Garrisons: The Leasehold Empire, Oxford 2000. Vgl. zu War II, New York 1999; für Deutschland Konrad Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 19451995, München 2004, der die deutsche Geschichte Zivilisierungsmission und Moderne 415 sich in nichtwestliche Gesellschaften einfügten.156 Hinter solchen Einzelschicksalen stand aber nur die persönliche Attraktivität des Anderen, zivilisatorischer Gleichheit und Ebenbürtigkeit machte das Denkschema der Zivilisierungsmission überflüssig. In einer solchen Situation des Gleichgewichts kann man voneinander lernen, war dies nicht. Das Imperium Americanum wurde nicht zu einem neuen Kolonialreich, sondern zu einem weltweiten Netz von Militärstützpunkten, denen wie man es sah, lächerlich vergeblichen Versuche, die englische Kultur zu meistern, lustig gemacht hatte, waren vorüber. Ironischerweise hatte es dem ergänzenden Aspekt von wirtschaftlicher „Entwicklung“ und „nationbuilding“ als Zivilisierung Marc Freys Kapitel in diesem Band. geschah dies unter den quasikolonialen Bedingungen einer militärischen Besatzungsherrschaft, die auf einen kurzen Zeitraum befristet war. Charakteristisch für die Nachkriegszeit therapeutische und auch strafende Korrektur eines Zivilisationsbruchs denkbar, so vor allem gegenüber Deutschland und Japan nach 1945.157 In beiden Fällen |
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| wie sie waren. Solche genuine Anerkennung ist zu unterscheiden von der herablassenden Duldung indigener Folklore unter Bedingungen von desinteressierter „indirect sich mit den einheimischen Fürsten, die sie eigentlich beaufsichtigen sollten, zu einem hohen Maße identifizierten.159 Auch im Vorderen Orient gab Ein besonders deutliches Beispiel ist JulesHubert Lyautey, der allmächtige Generalresident in Marokko während der Jahre 1912 bis 1925. Der General bis zur letzten Minute, d.h. bis zur Suezkrise von 1956, an der Unterstützung konservativer Monarchen festhielten, lag auf dieser Linie. (später Marschall) Lyautey war ein prokonsularischer Abgesandter einer Republik, konnte also nicht, wie seine britischen Kollegen, die Aura eines metropolitanen rule“. Aus der indischen Geschichte des 18. Jahrhunderts kennt man viele Beispiele für aristokratische Elitensolidarität, etwa von britischen Kolonialbeamte, die an der Zivilisierungsmissionen ins Stocken gerieten, war identisch mit der Grenze kolonialer Bürgerlichkeit. Nicht nur unter kulturellen Überläufern, die durchweg Königund Kaisertums instrumentell einsetzen. Lyautey war aber Monarchist, ein Verächter der heimischen Republik und später Fortsetzer einer auf Edmund Burke „Hierarchy […] homogenized th e heterogeneity of empire.“ David Cannadine, Ornamentalism: How the British Saw Their Empire, London 2001, S. 85. es eine Neigung zu orientalischem Aristokratismus. T. E. Lawrence, der britische Archäologe und Kolonialoffizier, der im Ersten Weltkrieg einen arabischen tat, war es doch sein oberstes 159 Cannadine hat diese Beobachtung sogar zu einer Generalthese über das britische Empire aufgeblasen: Städte, ein kommerzielles Bürgertum und eine moderne Intelligentsia. Obwohl er manches zum Beispiel für die infrastrukturelle Modernisierung des Protektorats Marokko zurückgehenden Tradition einer nichtbürgerlichen Solidarität mit aristokratischen Monarchien. Lyautey bewunderte das marokkanische Herrscherhaus und die einheimische Aristokratie. Er war fasziniert Jürgen Osterhammel 416 Versuche zur Zivilisierung breiterer Volksmassen hatte man am Ende der kolonialen Epoche längst aufgegeben. Eine andere Grenze, marginale Existenzen waren, sondern durchaus auch an der Spitze kolonialer Herrschaftsordnungen fand sich nicht selten Sympathie für die anderen, so durch das vormoderne Volksleben und führte heftige Klage über den kulturzersetzenden Einfluss französischer „colons“. Er hatte einen starken Vorbehalt gegen Aufstand gegen die Türken organisierte, hat dieser Haltung den eindrucksvollsten literarischen Ausdruck verliehen. Auch dass die Briten im Nahen Osten |
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| Massakerund Folterskandalen des 20. Jahrhun 160 Daniel Rivet, Le Maroc de Lyautey à Mohammed V: Le double visage du protectorat, ff., Bd. 2, S. 121 ff. 161 Oft mit beklemmender Ernsthaftigkeit: Claude Julien Rawson, God, Gulliver and Genocide: Barbarism and Zivilisierungsmission und Moderne 417 Ziel, „de restaurer l’ancien Maroc“.160 Entgegen dem Klischee, dass Frankreich überall die Gallizisierung der einheimischen Oberschichten im 18. Jahrhundert noch spielerisch und mit Ironie diskutiert werden konnte: Lässt sich ein Kannibale zivilisieren?161 Und: was bedeutet es der schreckliche Verdacht des Kannibalismus lastete?162 Eine verwandte Frage, die aber davon vollkommen separat erörtert wurde, war die nach der Land wie Marokko Missionare kaum eine Rolle spielten, fehlte eine wichtige Kraft des Widerstandes gegen eine solche sozialkonservative, die Integrität dann bekam das ganze Unternehmen den Anstrich heroischer Vergeblichkeit. Sobald Europäer begannen, Völker, Zivilisationen und später „Rassen“ hierarchisch zu ordnen, die Prognose eines Minimums an Bildbarkeit auf der Seite der zu Zivilisierenden. Moralphilosophisch reduziert sich dies auf die Frage, die für die zivilisierte Gesellschaft, wenn sie mit einzelnen ihrer Mitglieder konfrontiert wird, über denen – etwa nach einem Schiffbruch – betrieb, arbeitete Lyautey geradezu an der Verhinderung einer „mission civilisatrice“, die er als ein Unglück betrachtete. Da in einem muslimischen musste es immer jemanden am unteren Ende der Skala geben. Dies waren die „unedlen“ Wilden, über die schon die Reisenden vorgefundener Strukturen achtende Politik. Mangelte es auf der einen Seite des Spektrums an der Notwendigkeit, andere zu zivilisieren, so stellte the European Imagination 14921945, Oxford 2001. 162 Ein berüchtigter Fall war der Schiffbruch des Walfängers „Essex“ und das Schicksal der gegen den ersten Generalgouverneur von Indien, Warren Hastings, über Gouverneur Eyre und König Leopold II. bis zu den zahlreichen kolonialen überlebenden Besatzung im Jahre 1820. Paris 1999, S. 36 f. (Zitat S. 37); ausführlich über Lyauteys Monarchismus und Aristokratismus: Rivet, Lyautey, Bd. 1, S. 152 Soziabilität derjenigen, die koloniale Großverbrechen begangen, angeordnet oder gedeckt hatten. Hier zieht sich eine Linie von Edmund Burkes öffentlicher Anklage sich an seinem anderen Ende die Frage, welches die minimalen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zivilisierungsmission seien. Blieben solche Voraussetzungen aus, den „Aborigines“ Australiens traute man viel weniger Zivilisierbarkeit zu als den Maori in Neuseeland. Die anthropologische Voraussetzung jeglicher Zivilisierungsmission ist des 18. Jahrhunderts wenig Gutes zu berichten hatten. Die Bewohner Melanesiens hatten ein schlechteres Image als die „edlen“ Polynesier, und |
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| la colonisation ambiguë (18581954), Paris 1995, S. 212 ff. die allerdings erheblicher Einschränkung bedarf, da das Vertrauen in die Zivilisierbarkeit von Schwarzen und insbesondere von „native Americans“ im eigenen 164 Vgl. Nicola Labanca, Oltremare: Storia dell’espansione coloniale italiana, Bologna 2002, S. 41121; Giulia Barrera, The Construction of Racial Hierarchies Hemisphäre jener aktive, individualistische und akquisitive Menschentyp entstehen könne, der allein sich als Träger eines erfolgreichen Kapitalismus eigne.163 Verwandt damit Buchtitel: A. J. Barker, The Civilizing Mission: The ItaloEthopian War 19351936, London 1968. 165 Pierre Brocheux / Daniel Hémery, Indochine, Fähigkeit und Bereitschaft, sich elementares Lesen und Schreiben beibringen zu lassen, manchmal wurde aber auch weitaus mehr verlangt. Die privatwirtschaftlichen ist der amerikanische Glaube daran, dass der Mensch, von unbürgerlichen Zwängen befreit, automatisch nach materiellem Reichtum und individueller Freiheit strebe. Von solchen, weithin geteilten anthropologischen Annahmen her sind amerikanische Vorstellungen von Zivilisierungsmission sehr stark assimilationistisch ausgerichtet gewesen – eine Behauptung, in Italian Colonial Culture from PostUnification to the Present, Berkeley 2003, S. 81115, hier S. 91. Irreführend ist ein älterer in Colonial Eritrea: The Liberal and Early Fascist Period (18971934), in: Patrizia Palumbo (Hg.), A Place in the Sun: Africa Falle des poli 163 Thomas F. O’Brien, The Revolutionary Mission: American Enterprise in Latin America, 19001945, Cambridge 1996, S. 314. in Vietnam),165 heillose Selbstbarbarisierung (wie aus liberaler britischer Sicht bei den Buren Südafrikas) oder gar eine aggressive GegenZivilisierungsmission wie im Voraussetzungen von Zivilisierungsmissionen wurden ganz unterschiedlich interpretiert. Manchmal genügte ein offenes Ohr für das Wort Gottes, in anderen Fällen die und segregationistische Rassengesetzgebung und Herrschaftspraxis jene Nähe zwischen Kolonisierern und Kolonisierten, ohne die eine Zivilisierungsmission nicht möglich ist. Die Zivilisierung Versuche von USFirmen, im Lateinamerika des frühen 20. Jahrhunderts ein „corporate empire“ aufzubauen, setzten voraus, dass auch in der südlichen wie der Kolonialismus des faschistischen Italien taten dies von Anfang an nicht. In Mussolinis afrikanischem Reich verhinderte eine extrem diskriminierende Lande nicht immer hoch entwickelt war. Manche Kolonialregimes setzten in bestimmten Phasen hohe Erwartungen in die Bildbarkeit ihrer Untertanen. Andere von Libyern, Eriträern und Äthiopiern war in den faschistischen Kolonialvisionen und programmen nicht vorgesehen.164 Fest verwurzelte einheimische Bildungstraditionen (wie etwa Jürgen Osterhammel 418 derts. Diese Frage freilich ist selten unter dem Gesichtspunkt der ReZivilisierung und ReSozialisierung debattiert worden. Die anthropologischen |
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| Auch ein rein technokratisches Herrschaftsverständnis glaubte ohne flankierende Zivilisierung auskommen zu können. In Ägypten brachte der oberste Machthaber Lord Cromer 166 Owen, Lord Cromer, S. 355 ff. 167 Tilchin, Theodore Roosevelt, S. 216 f. autokratische Politik von Zuckerbrot und Peitsche, die auf eine selbsttätige Mitwirkung von Ägyptern keinen Wert legte. Lord Cromer war davon die Inder) hielt er für völlig unfähig zur Selbstregierung. Die Aufgabe der Kolonialherrschaft, die in Ägypten den äußeren Schein eines erwartete eine zeitlich unbegrenzte Okkupation des Landes. Er sah es nicht als seine Aufgabe an, die Ägypter zu späterer Selbstregierung die Unterdrückten Ägyptens zu heben und die Institutionen zivilisierter Modernität in einem rückständigen Land einzuführen. Er tat dies durch eine in seiner langen Amtszeit zwischen 1883 und 1907 keineswegs jenes romantische Verständnis für die einheimische Gesellschaft auf, das eine Generation die unbestritten herrschende Meinung auf dem Höhepunkt des klassischen westlichen Imperialisms. Zu genau der gleichen Zeit, in der sich Cromer zu führen. Dennoch hielt er im allgemeinen an der eher aufklärerischen und frühviktorianischen Idee fest, die Vormundschaft, zu der sich mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein einer Illusion kolonialer Permanenz hingab, glaubte Präsident Theodore Roosevelt, dem ein ähnliches Image eines Erzimperialisten anhängt, daran, wie zahlreiche seiner Zeitgenossen von der Angst geplagt, den Kampf gegen die „Dekadenz“, die jeden Zivilisationsfortschritt bedrohe, nicht energisch genug später Lyautey in Marokko an den Tag legte. Cromer sah es als seine abstrakte, durch keinerlei Romantizismus veredelte Pflicht an, dass die allgemeine Zivilisation schnelle Fortschritte mache und eine aufgeklärte Kolonialherrschaft diesen Vorgang beschleunigen, aber keinesfalls stillstellen könne.167 Roosevelt war zu erziehen, für die Vorzüge der westlichen Zivilisation zu werben oder ihnen gar den Islam auszureden.166 Allerdings war dies nicht „verschleierten Protektorats“ wahrte, konnte nur darin bestehen, eine technisch perfekt funktionierende Regierungsmaschinerie zu installieren und in Betrieb zu halten. Cromer Zivilisierungsmission und Moderne 419 tisch wie religiös kolonisierenden Islam in NiederländischOstindien konnten ebenfalls als absolute Zivilisierungsgrenzen wahrgenommen und wirksam werden. überzeugt, dass Christen und Muslime in völlig unterschiedllichen Denkwelten lebten, zwischen denen es keine Brücke gebe. Die Ägypter (ebenso wie |
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| Definition von Rassismus ist geboten, um den entscheidenden Unterschied zwischen den Gedanken biologischer Determiniertheit und einer auf kulturelle Merkmale bezogenen Rhetorik, mit dem er verbrämt wurden, war denn auch die amerikanische Herrschaft in Südostasien nicht auf eine Cromersche Ewigkeit hin Verbreitung und Repräsentativität rassistischen Denkens nicht überschätzt werden. Von einer generellen Dominanz von Rassediskursen gegenüber anderen Formen der Rechtfertigung imperialer unkorrigierbaren Glauben bezeichnen, die Existenz anderer sei primär durch eine biologisch determinierte, unveränderliche Inferiorität bestimmt. Eine solch enge und präzise für das Jahr 1907 Wahlen an. So entstand „the first parliament ever freely elected in Asia“.168 Mit dem Jones Act Arroganz deutlich werden zu lassen. Keineswegs jedes Überlegenheitsgefühl, wie harsch auch immer ausgedrückt, ist dasselbe wie Rassismus. Auch sollte die Unabhängigkeit; 1934 wurde die nationale Selbständigkeit für die Philippinen verbindlich zugesagt. Die schärfste Grenze, an die Ideen der Zivilisierungsmission stoßen 168 Stanley Karnow, In Our Image: America’s Empire in the Philippines, New York 1989, S. 238. angelegt. Roosevelt, der erst im September 1901 Präsident geworden war, aber die Entscheidung zur Kolonisierung der Philippinen mittrug, setzte bereits dieser Zeit war jedoch Rassismus keineswegs unumstritten und herrschend. Er hat in keinem einzigen der europäischen Kolonialsysteme die Zivilisierungsmission als vom August 1916 gab der Senat, jetzt zur Amtszeit Präsident Woodrow Wilsons, den Philippinos eine zeitlich noch unspezifische Zusage künftiger in die eigenen Hände zu nehmen. Trotz der enormen Brutalitäten des philippinischen Eroberungskrieges von 1899 bis 1903 und der rassistischen Herrschaft kann überhaupt nur für einen relativ kurzen Zeitraum von wenigen Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg gesprochen werden. auch in zu „improvement“ – dem Zentralwert jeder Zivilisierungsmission – nicht fähig, kann keine Zvilisierungsmission hervorgehen. Rassismus soll hier den durch Erfahrung primäres Legitimationsargument ersetzt. Die europäischen Kolonialsysteme (wie später in besonderer Weise auch das japanische) benutzten seit dem 16. Jahrhundert Feinklassifizie können, ist Rassismus. Aus Milieus, in denen sich die Überzeugung festsetzt, andere Menschengruppen, mit denen man in Kontakt steht, seien Jürgen Osterhammel 420 die „höherstehenden“ Völker zeitweilig bereit fanden, müsse letzten Endes die „lower races“ dazu befähigen, ihr politisches Schicksal |
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| gesellschaftlich ordnenden Rassismus zeigt sich auch darin, dass zwar die Sklaverei da und dort praktiziert und geduldet wurde, aber nirgends Kapitel in diesem Band. 171 Vgl. die interessanten Beobachtungen bei Luke Godwin, The Fluid Frontier: Central Queensland 184563, in: Lynette kriminelles oder rebellisches Verhalten zur Last gelegt wurden, etwa die „thugs“ in Indien.169 Die grundsätzliche Distanz in Beherrschungskolonien zu einem die ausdrückliche und offen proklamierte Unterstützung von Kolonialbehörden fand. Imperien der späten Neuzeit, jedenfalls bis zum Zweiten Weltkrieg, standen in einem strukturellen Gegensatz zur Institution der Sklaverei. Zwangsarbeit mochte sich für viele Betroffene von Sklaverei kaum erkennbar unterscheiden. Sie bedurfte vorstellt.170 Hier ging es weniger um hierarchische Herrschaftsstrukturen als um die Eingliederung oder auch NichtEingliederung depossedierter Einheimischer in eine expandierende 19. Jahrhundert wurden in den Kolonien unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen (beide Kriterien flossen in einer oft komplexen Weise ineinander) von den kolonialen Staatsapparaten unterschiedlich behandelt: einige „races“ waren bei den Kolonialherren beliebter als andere. Aber es geschah selten, dass Russell (Hg.), Colonial Frontiers: IndigenousEuropean Encounters in Settler Societies, Manchester 2001, S. 101118, hier S. 110 f. Mia Carter (Hg.), Archives of Empire, Durham NC 2003, 2 Bde., hier Bd. 1, S. 285334. 170 Siehe Boris Barths Siedlerwirtschaft. Rassistische Ideologien werden hier, anders als in Beherrschungskolonien, funktional nützlich. Sie legitimieren Landraub, Verdrängung, die selektive Nutzung von Wanderarbeit oder gar die straflose Tötung ökonomisch überflüssiger Einzelner bis hin zum Genozid.171 Die interethnischen Beziehun 169 Vgl. Barbara Harlow / die Apologie eines postabolitionistischen Kolonialismus ergänzend hilfreich, ohne konstitutiv zu sein. Anders war es bei Besiedlungskolonien, wie Boris Barth sie Neuen Welt dachte niemand an eine Zivilisierungsmission; auch die christliche Mission unter Sklaven kam spät und blieb schwach entwickelt. Im aber als zeitlich befristete „Erziehung zur Arbeit“ ständig neuer legitimierender Bemühungen in der Rhetorik der Zivilisierungsmission. Rassistisches Denken war für ganze Bevölkerungsgruppen für unzivilisierbar erklärt wurden, es handle sich denn um solche Gruppen, denen nicht ihre biologische Beschaffenheit, sondern ihr Zivilisierungsmission und Moderne 421 rungen der Untertanenschaft nach Hautfarbe und ethnischen Stereotypen. Das hat im Kolonialrecht früh eine Rolle gespielt oder auch in der Kategorisierung menschlicher Ware auf den Sklavenmärkten der frühen Neuzeit. Gegenüber den Sklaven auf den Plantagen der |
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| politischen Vorzeichen ist seit den sechziger Jahren „Entwicklungshilfe“ zu einer selbstgestellten Aufgabe reicher Industriestaaten und privater Nichtregierungsorganisationen geworden.174 Die Emphase 1997. Vgl. auch Andreas Eckert in diesem Band. Vor allem die alte Rivalität zwischen christlichen und islamischen Missionaren scheint derzeit in eine neue Phase einzutreten. (3) Die Erweiterung genannt werden. (1) Als Fortsetzung von Programmen des „colonial development“ in der letzten Epoche des Kolonialzeitalters, doch nun unter anderen der Europäischen Union kann man als ein grandioses Projekt zivilisatorischer Angleichung verstehen: als die Transformation der politischen Kultur von Nationen, Jürgen Osterhammel 422 gen in Siedlungen sind instabil und oft wenig auf Dauer angelegt. Die Einheimischen wurden weniger als fürsorgebedürftige Cooper / Randall Packard (Hg.), International Development and the Social Sciences: Essays on the History and Politics of Knowledge, Berkeley of Germanization, New Haven/London 2003, S. 9 ff., 46 ff. 174 Vgl. mit der nötigen historischen Perspektive vor allem Frederick die unter kommunisti 172 Vgl. auch Stefan Kaufmann, Der Siedler, in: Eva Horn u.a. (Hg.), Grenzverletzer. Von Schmugglern, Spionen und für die erziehende Vormundschaftlichkeit einer Zivilisierungsmission.173 IX. Postimperiale Zivilisierungsmissionen? Wie wenig die Idee der Zivilisierungsmission an offen koloniale Verhältnisse gebunden Zweiten Weltkriegs – das Verhältnis von Siedlern und einheimischer Bevölkerung zum „Volkstumskampf“ oder „Grenzkampf“ ideologisiert wurde, blieb kein Raum mehr geradezu als kontraproduktiv erscheinen. Dort, wo – wie in der extremsten Überhitzungsphase eines europäischen Siedlungskolonalismus: im deutschen „Ostrausch“ während des anderen subversiven Gestalten, Berlin 2002, S. 176202. 173 Dazu neuerdings Elizabeth Harvey, Women and the Nazi East: Agents and Witnesses „Hilfe zur Selbsthilfe“ ein Rest zivilisierungsmissionarischer Hoffnung. (2) In der heutigen Welt ist ein Wiederaufleben der religiösen Mission zu beobachten. Untertanen denn als mobile Reservearmee für die weiße Plantagenwirtschaft oder gar als überflüssige Konkurrenten angesehen172. In solchen Situationen musste Zivilisierungsmission viktorianischer oder spätkolonialer Zivilisierungsmissionen ist allerdings sehr viel bescheideneren und pragmatischeren Zielsetzungen gewichen. Immerhin manifestiert sich in einem Motto wie ist, zeigt ihr Fortleben in die Gegenwart – das freilich nicht mehr zum Themenkreis dieses Bandes gehört. Fünf Stichworte können |
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| Inhalt dieser Zivilisierungsmission, die in hohem Maße von den zu „Zivilisierenden“ mitgestaltet wird, ist die Universalisierung der politischen und ökonomischen David C. Engerman, Modernization from the Other Shore: American Intellectuals and the Romance of Russian Development, Cambridge, Mass./London 2003. katholische lateinamerikanische Staaten stellte.175 Der Fall der Türkei ist um so interessanter und politisch wichtiger, als der Versuch, in der in das Eheund Familienrecht nichteuropäischer Gesellschaften mehrere Beiträge in Julia ClancySmith / Frances Gouda (Hg.), Domesticating Empire: Race, Gender, and Brazilian Marriage and Inheritance Laws, in: Comparative Studies in Society and History 37 (1995), S. 781802. Vgl. zu „zivilisierenden“ Eingriffen verwandeln, scheiterte und als Vorbild gelungener Okzidentalisierung nicht taugen kann.176 In Russland seinerseits wird gegenüber den muslimischen Kaukasusvölkern an die Kontakte zu den Ländern Ostmitteleuropas unterhalten oder gar, wie Deutschland, das Problem innerhalb des eigenen politischen Systems lösen müssen. Der Zivilisierungsmissionen. Aus türkischer Sicht handelt es sich dabei um die neueste Etappe eines Prozesses der Selbstzivilisierung, der im frühen 19. Jahrzehnten einer diktatorischen Vergangenheit zeigte ähnliche Merkmale der Zivilisierung. (4) Auch das Verhältnis Europas zur Türkischen Republik erinnert an frühere geht von den EUOrganen in Brüssel und Straßburg aus, daneben von den einzelnen Regierungen der älteren EUMitgliedsländer, die vielfältige direkte Zivilisierungsmission und Moderne 423 scher Herrschaft jahrzehntelang so etwas wie einen partiellen, zumindest politischen, Zivilitätsverlust erfahren hatten. Die neue Zivilisierungsmission Institutionen, Rechtsformen und Werten einer offenen Gesellschaft westeuropäischen Typs. Bereits der Übergang Spaniens und Portugals Mitte der siebziger Jahre aus brachiale Politik zarischer Unterwerfung angeknüpft; hier ist jeder 175 Vgl. Muriel Nazzari, Widows as Obstacles to Business: British Objections to Frühzeit der Ära Jelzin Russland durch eine von amerikanischen Beratern geplante rasante Liberalisierung in eine Kopie eines westlichen Musterlandes zu zwischen den heutigen europäischen Erwartungen an eine türkische Zivilrechtsreform und ähnlichen Ansinnen, die das protestantische Großbritannien im 19. Jahrhundert an als Zugeständnisse des Beitrittssuchenden erwartet werden, über deren genauen Inhalte die europäische Seite keinen Zweifel lässt. Bemerkenswerte Parallelen ergeben sich Jahrhundert begonnen hatte; aus westeuropäischer Sicht ist es ein großes Experiment in interkultureller Annäherung, bei dem weniger Kompromisse zwischen Gleichen Family Life in French and Dutch Colonialism, Charlottesville/London 1998. 176 Zu früheren Phasen des amerikanischen Dranges, Russland zu zivilisieren, vgl. |
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| nichts mit EmpireNostalgie und dem Wunsch, in einem zeitweise imperial kontrollierten Gebiet alte Positionen wiederzubeleben, zu tun. Auch die USA Politik der Welteroberung und zivilisatorischen Beglückung. McDonald’s wird nicht mit Panzern und Flugzeugträgern in der Welt verbreitet. Nach 1945 machten gehindert. (Seit der kubanischen Revolution von 1959 ist kein einziges Land der Welt außer vorübergehend Angola und, am Ende der verfolgten in der ersten Amtszeit George W. Bushs trotz der Rhetorik ihrer öffentlichen Repräsentanten keineswegs eine langfristig und strategisch angelegte sich lange Zeit als ziemlich zivilisierungsresistent. Er wurde durch eine militärische Eindämmungsund Abschreckungspolitik in Schach gehalten und an weiterer Ausdehnung die USA die Erfahrung, dass es nur relativ geringer zivilisierungsmissionarischer Anstöße bedurfte, um in zwei strategisch wichtigen Weltregionen, nämlich Westeuropa hineingezogen sahen. Solche neuen Zivilisierungsmissionen tragen oft den Charakter eines akuten, teils durch Sicherheitsbelange, teils durch den Druck einer diffusen den materiellen 177 Vgl. Anatol Lieven, Chechnya: Tombstone of Russian Power, New Haven 1998, bes. S. 301323. Die Kontinuität mit einer älteren imperialen Vergangenheit sollte dabei nicht überbewertet werden. So hat die britische Intervention im Irak 2003 und Ostasien (Japan, Südkorea) ein politisch und ökonomisch günstiges Umfeld zu schaffen. Der von der Sowjetunion dominierte kommunistische Block erwies teils der Supermacht USA mit ihren nächsten Verbündeten in die Verhältnisse von „failed states“ erinnert stark an die Thesen von Imperialismustheoretikern der 1960er und frühen 70er Jahre, deren „peripherieorientierte“ Modelle die Imperialmetropolen widerwillig in Konflikte und Vakuumsituationen an der Peripherie Epoche unter besonderen Bedingungen, Afghanistan kommunistisch geworden.) Man kann sicher nicht sagen, die Sowjetunion sei durch eine zielstrebig betriebene westliche Zivilisierungsmission unterminiert worden, auch wenn die Entspannungspolitik und der multilaterale KSZEProzess einen ergänzenden Beitrag geleistet haben dürften. Ein Streben nach „Weltöffentlichkeit“ erzwungenen Krisenmanagements. Sie liegen daher auf einer ganz anderen Ebene als die langfristigen und friedlichen Integrationsbemühungen der Europäischen Union. Jürgen Osterhammel 424 genuine Zivilisierungswille längst in systematischer Gewaltanwendung untergegangen.177 (5) Das Eingreifen teils der Staatengemeinschaft in Form der UN, |
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| und internationaler Erstrangigkeit steht jedoch in der Linie von Modernisierungsbemühungen, die nach 1860 begannen. Es ist kein Wunder, dass die zu amerikanischen Konsummustern und die Übernahme wichtiger Elemente kapitalistischer Wirtschaftsorganisation verbindet sich mit einem starken, latent antiamerikanischen Nationalismus. Die Chinesen und 1972 nicht den geringsten Einfluss ausüben konnten und das sich 1972 aus freien Stücken und sehr vorsichtig außenpolitisch zum katastrophal missratenen neoimperialen Manövers in Afghanistan und eines gut gemeinten, aber schlecht ausgeführten Versuchs einer klassischen Selbstzivilisierung unter Michail Gorbatschow. „Selbststärkungs“Reformer der späten Kaiserzeit heute in China wieder großes Interesse finden. selektiver Modernisierung unter Ausnutzung von Globalisierungslücken über. Es entwickelten sich vielfältige Wirtschaftsbeziehungen zum Westen, und der American Way of Life Westen hin öffnete, demontierte ein kommunistisches Regime nach 1978 seine eigenen totalitären Strukturen (den „Maoismus“) und ging zu einer Politik haben sich niemals von außen missionieren lassen und nur selten ein eigenes Zivilitätsdefizit eingestanden. Der Wiederaufstieg ihres Land zu Wohlstand Zivilisierungsmission und Moderne 425 und ideellen Errungenschaften des Westens hat bei der Destabilisierung der Sowjetunion vermutlich keine primäre Rolle gespielt; eine Zivilisierungsmission angefacht werden. Der Zusammenbruch der Sowjetunion lässt sich weniger durch den Leidensdruck einer geknechteten und depravierten Bevölkerung erklärt werden als durch das Zusammentreffen einer durch Hochrüstung mitverschuldeten ökonomischen Systemkrise, langfristiger zentrifugaler Tendenzen in einem sich modernisierenden Vielvölkerstaat, eines wurde zum Orientierungspunkt einer jungen Generation konsumbegieriger Chinesen. Doch kann hier abermals nicht von einer Zivilisierungsmission gesprochen werden. Die Tendenz Gleichzeitig tat sich im bevölkerungsreichsten Land der Welt, in China, Ungewöhnliches. In diesem Land, in dem die USA zwischen 1950 in den nach dem Zweiten Weltkrieg unterworfenen Satellitenstaaten Ostmitteleuropas war dieser Drang ohnehin schon vorhanden und musste nicht erst durch |
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